Die Heldenfigur als literarische Grundfigur

Was ist ein Held?

Im Mittelpunkt traditioneller Erzählungen wie Märchen oder Mythen stehen oft Helden. Ein Held (griech.: ἥρως hḗrōs) ist eine Person mit besonders hervorragenden Fähigkeiten und Eigenschaften. So ist er in der Lage, Leistungen zu vollbringen, an denen ein Durchschnittsmensch kläglich scheitern würde. Vielfach stehen Helden auch in enger Verbindung zu übernatürlichen Mächten (Göttern), von denen sie manchmal abstammen, von denen sie nützliche Gegenstände (z. B. Schwerter) und Eigenschaften (Unverwundbarkeit) bekommen haben und deren Schutz sie genießen.

 

Helden haben übermenschliche körperliche Kräfte und geistige Fähigkeiten wie Mut, Aufopferungsbereitschaft, Furchtlosigkeit u.a.m. Diese nutzen sie, um Abenteuer zu bestehen, um sich in den Kampf für die gerechte Sache oder das Gute zu stürzen und das Böse zu besiegen. Dabei sind sie (fast) unverwundbar. Verehrt werden sie wegen ihrer Taten und nicht wegen ihrer Persönlichkeit oder wegen ihres Charakters. . Wegen dieser Heldentaten werden sie auch zum Frauenschwarm. Aber für ein biederes Leben als Ehemann und Familienvater eignen sie sich nur sehr begrenzt. In jedem Fall aber ernten sie Heldenruhm und werden zumindest auf diese Weise unsterblich.

 

Helden sind zumeist Männer, vor allem in der traditionellen Literatur und im traditionellen Literaturverständnis. Es gibt aber auch in der griechischen Antike Frauenfiguren, die heldenhafte Merkmale aufweisen. Dazu zählen z. B. Antigone (Sophokles) und Medea (Euripides). Auch im Nibelungenlied gibt es mit Brunhild und Kriemhild zwei weibliche Helden-Figuren. Wenn Frauen zu Heldinnen werden, sind sie aber meist mit für Frauen eher untypischen männlichen Attributen (z. B. große körperliche Stärke, Furchtlosigkeit) versehen.

 

Helden sind immer auch „Kinder ihrer Zeit“. Abgesehen von den allgemeinen Helden-Attributen

 

Der Helden-Typus wurde und wird auch immer wieder politisch missbraucht. Zum Beispiel war das im Ersten und im Zweiten Weltkrieg der Fall, als die politische Führung und die Medien den (meist jungen) Soldaten eingeredet haben, es sei ehren- und heldenhaft, auf dem Schlachtfeld für Kaiser und Vaterland oder den Führer und Deutschland zu sterben.

 

Zur Frage, warum die Heldenfiguren uns immer noch faszinieren und die Texte, die über sie geschrieben worden sind, LeserInnen auch nach vielen Jahrhunderten noch faszinieren, gibt es unterschiedliche Meinungen.

 

  • Manche meinen, Helden faszinierten uns, weil wir uns mit ihnen identifizieren können und weil wir über diese Identifikation selbst lernten, in schwierigen Situationen „über uns hinauszugehen.“
  • Manche meinen, die Begeisterung für literarische Helden und ihre Abenteuer sei  – ähnlich wie die Begeisterung für manche moderne Computerspiele – eine Art „Ersatz“ für ein Leben, das in den meisten Fällen in Wirklichkeit eher monoton und bieder sei. Es handle sich dabei um eine Art „Flucht“ aus dem wirklichen Leben.

  • Manche meinen, Heldenfiguren würden immer wieder benutzt, um bei Menschen ein Gefühl von Identität über Identifikation (Gleichsetzung) zu schaffen. Damit ist gemeint, dass Heldenfiguren konstruiert werden, um z. B. bei Menschen einer Nation ein Gefühl von Zusammengehörigkeit (eine Art Wir-Gefühl) entstehen zu lassen. Ob literarische Helden sich dafür eignen ist fraglich. Aber ansonsten wären Sport-Idole (Schlierenzauer) oder Figuren wie Andreas Hofer (Tirol) oder Jeanne d’Arc (Frankreich) Beispiele dafür.  

Welche Heldentypen gibt es?

Es gibt unterschiedliche Heldentypen.

 

Auf der einen Seite gibt es den unverwundbaren, quasi unsterblichen Helden, der „ewig jung“ bleibt und nicht altert. Für ihn ist typisch, dass er – unabhängig von der Zeit und unabhängig von den Erfahrungen, die er macht - immer derselbe bleibt. Dieser Heldentypus spielt in der heutigen Literatur z. B. in Kriminalromanen immer noch eine gewisse Rolle. Aber er wird von der „seriösen“ Literaturwissenschaft eher kritisch gesehen.

 

Auf der anderen Seite entwickelt die griechische Literatur die Figur des tragischen Helden, dessen Schicksal es ist, am Ende zu scheitern und den ruhmreichen Heldentod zu sterben. Der Urtyp des nur beinahe unverwundbaren Helden, der dann doch den tragischen Heldentod sterben muss, ist der Kämpfer Achilles. Ihm wird seine Achillesferse zum Verhängnis, an der Paris ihn tödlich trifft. Ein anderes Beispiel für einen beinahe unsterblichen Helden ist Siegfried in der Nibelungensage. An einer Stelle ist er verwundbar. Und genau dort trifft ihn der tödliche Schlag Hagens.

 

Die Literatur kennt schon lange die Heldenparodie. Das ist eine karikierende oder eine verspottende Darstellung einer Figur, die gerne ein Held wäre, sich in Wirklichkeit aber wie ein Tölpel benimmt. Die Urform des parodistischen Anti-Helden ist der Möchtegern-Ritter Don Quichote, der Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlenflügel kämpft, weil er sie mit Riesen verwechselt.

 

In der modernen Literatur entsteht außerdem die Figur des Anti-Helden. Der Antiheld ist eine Figur, die im Wesentlichen durch ihr Scheitern bestimmt ist. Er ist ein unverstandene Außenseiter, der vergeblich nach Anerkennung strebt. Oder er ist der geborene Verlierer, der in allem, was er anpackt, scheitert. Oder er ist der tollpatschige Möchtegern-Hero, der zielsicher in die Mitte des Fettnapfs tappt. Beispiele für berühmte Anti-Helden in der Literatur sind (neben Don Quichote) z. B. Heinrich Kleists Michael Kohlhaas, Georg Büchners Woyzeck, Paul Bäumer in Remarques Anti-Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ oder Beckmann, der gescheiterte Soldat, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hause zurückkehrt und keinen Platz mehr findet (Wolfgang Borchert: „Draußen vor der Tür“). Im Spielfilm verkörpert zum Beispiel James Dean („Denn sie wissen nicht, was sie tun“) den melancholischen Antihelden Jim Stark. (Manchmal bezeichnet man auch an einer zu großen Aufgabe gescheiterte Personen des öffentlichen Lebens, z. B. Politiker als Anti-Helden. In der österreichischen Politik gäbe es auch ein paar Beispiele dafür)

 

In der modernen Welt der Literatur ist eigentlich kein Platz mehr für Helden. Das hat damit zu tun, dass die moderne Wissenschaft den Menschen den Glauben an Übernatürliches gehörig ausgetrieben hat; dadurch wären Helden eher unglaubwürdige Figuren. Das hat aber auch damit zu tun, dass in der modernen hochtechnologisierten und unüberschaubaren Welt eine Retter-Figur eher unglaubwürdig wirkt. Vor allem aber hat es (im deutschen Sprachraum) damit zu tun, dass im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriegen die zu Helden stilisierten Soldaten am Schluss in ihrem Stolz gebrochen, kriegstraumatisiert und desillusioniert zurückgekehrt sind; soweit sie nicht in irgendeinem Schlachtfeld oder Schützengraben ziemlich einen grausamen und sinnlosen Tod gestorben sind.

 

Inwiefern ist Odysseus ein Held? Ist er mehr als "nur" ein Held?

Odysseus als Helden-Figur


  • Odysseus ist ein mächtiger König und hat deshalb gute Voraussetzungen, ein Held zu werden.
  • Wie ein typischer Held altert Odysseus scheinbar nicht, obwohl er insgesamt 20 Jahre lang unterwegs ist. Er entwickelt sich auch nicht wirklich weiter. Er ist also eine klassisch statische Figur, was für Heldenfiguren typisch ist.
  • Odysseus steht unter dem Schutz der Göttin Pallas Athene
  • Odysseus bewährt sich als Krieger und Kämpfer im Trojanischen Krieg
  • Odysseus besiegt während seiner Rückfahrt nach Ithaka Riesen (Polyphem), tödlich-verführerische Frauen (Sirenen), Naturgewalten u.a.m.
  • Odysseus besiegt mithilfe übernatürlicher Kräfte und mithilfe seines Bogens die lästigen Freier, die sich wie Aasgeier als Schmarotzer an seinem Hof niedergelassen haben, und die ihm seine Stellung als König streitig machen.

 

Odysseus als Anti-Helden-Figur / als Figur eines „gebrochenen Helden“

 

  • Odysseus wird uns in der Odyssee als Drückeberger und Feigling vorgestellt, der überhaupt keine Lust hat, in den Krieg zu ziehen. Als man ihn rekrutieren will, versteckt er sich und täuscht vor, wahnsinnig zu sein.
  • Odysseus verliert im Laufe seiner Odyssee (Irrfahrt) mehr als einmal die Orientierung und präsentiert sich als mehrfach zerrissene Figur (der nicht nur zwischen der treuen Penelope und der verführerischen Kalypso orientierungslos hin-und-herschwankt)
  • Odysseus kehrt allein und völlig verwahrlost (und keinesfalls als strahlender Sieger und Held) nach Ithaka zurück. Er ist so gezeichnet, dass ihn bei seiner Ankunft nur sein treuer Hund auf Anhieb erkennt.
  • Odysseus ist weniger ein tapferer Kämpfer und Drauflos-Hauer (wie z. B. Achilles), sondern eher ein strategischer Typ, der strategisch-intelligent vorgeht, wenn er vor einer Herausforderung steht.

 

Warum fasziniert uns die Figur des Odysseus schon seit über 2500 Jahren?

Die Frage, was das Faszinierende an der Figur des Odysseus ist, ließe sich lange diskutieren. Der Text hätte aber nicht so lange "überlebt", wenn diese Figur nicht etwas ganz Besonderes an sich hätte.

 

Manche sehen Odysseus als „Prototypen“ des Menschen überhaupt, als Prototyp des Menschen, der sich immer wieder selbst in Frage stellt und stellen muss, der die Orientierung verliert, der Versuchungen erliegt, der sich der Gefahr aussetzen muss, der manchmal scheitert, schlussendlich aber doch an sein Ziel kommt. 

 

Das gilt gerade auch für den modernen Menschen, der in einer unüberschaubaren Welt immer wieder das Ziel aus den Augen verlieren und orientierungslos umherirren kann. 

 

Wie gefällt dir die Figur des Odysseus? Was fasziniert dich an der Figur des Odysseus?

 

Arbeitsaufgaben

Arbeitsaufgaben zum Thema Helden und Heldenfiguren
3_4_Arbeitsaufgaben_Helden.docx
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Materialien zum Download

Odysseus als Heldenfigur
(Einführender Text als Dokument zum Download)
3_4_Heldenfigur_Odysseus_Textblatt1.docx
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unterschiedliche Definitionen zur Heldenfigur und zum Begriff Held
3_4_Definition Held_Textblatt2.pdf
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Sachtext "Heldenbedürfnisse"
Sachtext mit vielen Hintergrundinformationen und für die Erstellung einer Kurzfassung
3_4Heldenbedürfnisse_Textblatt 3.pdf
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Textsortenbeschreibung: Kurzfassung
Hier sind die wichtigsten Informationen zur Kurzfassung als Textsorte zusammengefasst (Qualitätsmerkmale, Arbeitsschritte, ...)
3_4_Kurzfassung_Textblatt4.pdf
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