Die Macht der Kamera

Was die Filmkamera leistet (und welche "Macht" sie dadurch hat), können wir uns leicht vorstellen, wenn wir einen Kinobesuch mit einem Theaterbesuch vergleichen: Während eines Theaterstücks sieht ein Zuschauer immer die gesamte Bühne und das Geschehen auf der gesamten Bühne aus einem festen und unveränderlichen Blickwinkel (der vom Sitplatz bestimmt wird). Allenfalls kann er selbst entscheiden, worauf er in einer bestimmten Szene seine Aufmerksamkeit richtet. Demgegenüber bestimmt im Film die Kamera, welchen Ausschnitt aus einem größeren Ganzen der Zuschauer in welchem Augenblick zu sehen bekommt. Die Kamera kann - als Totale - einen distanzierten Überblick über das gesamte Geschehen geben. Oder sie kann ein Detail - z. B. die Ohrringe der Heldin - in einem überdimensional großen Detailbild einfangen. Sie bestimmt also, in welchem Licht ein Zuschauer die Handlung zu sehen bekommt, aus welcher Perspektive er es zu sehen bekommt und vor allem, was er in einem bestimmten Moment nicht zu sehen bekommt.

 

Dazu kommt, dass ein Film eigentlich erst durch die Kombination verschiedener Kameraeinstellungen und durch die Art, wie diese Bilder dann zusammengefügt werden (Montage am Schneidetisch) entsteht. Damit können die einzelnen Bilderfolgen sehr schnell variiert werden. Zum Beispiel kann ein-und-dieselbe Situation innerhalb ganz kurzer Zeit aus völlig unterschiedlichen Perspektiven gezeigt werden. In einer Streit-Szene sehen wir in einer Sekunde (Halbtotale) einen Überblick über die Situation, in der der Streit stattfindet, in der nächsten Sekunde fällt unser Blick auf die Streitpartei A, der wir buchstäblich ins Gesicht sehen (Nah), in der übernächsten Sekunde sehen wir die erschrockenen Augen der Streitpartei B (Detail), dann blicken wir auf den Gegenstand des Streits, eine zerbrochene Blumenvase beispielsweise, die auf dem Boden liegt (Nah) usw. Der Blickwinkel des Zuschauers auf das Geschehen ändert sich also fortlaufend. Und nur weil wir gelernt haben, dieser schnellen Bilderfolge wenigstens halbwegs zu folgen, sind wir beim Betrachten eines Films nicht heillos überfordert.

 

Das Tempo und die Dynamik, die durch die moderne Filmsprache entstehen, führen üblicherweise dazu, dass es dem Film relativ leicht gelingt, uns "ins Geschehen hineinzuziehen". Weil wir vollkommen mit der Rezeption, also mit der Wahrnehmung des Gezeigten, beschäftigt sind, bleibt uns keine Zeit für Reflexion, Analyse, kritisches Nachdenken solange wir den Film betrachten. Eine Reflexion kann im Normalfall erst im Nachhinein geschehen.


Die psychologische Wirkung von Bildern

Wir als Menschen sind "Augentiere". Das heißt, dass wir den größten Teil der Informationen über die Welt, in der wir leben, durch den Sehsinn aufnehmen und verarbeiten. Bilder liefern uns aber nicht nur sachliche Informationen über eine Situation, Bilder sind auch sehr stark mit Emotionen verknüpft. Diese Tatsache nutzt jeder Film.

  

Wie Bilder psychologisch auf die ZuschauerInnen wirken, hängt nicht nur davon ab, WAS sie zeigen. Es wird vor allem dadurch bestimmt, WIE sie dies tun. Beispielsweise kann ich eine Person so darstellen, dass sie für einen Zuschauer sympathisch wirkt. Mit ein paar Tricks kann ich aber auch erreichen, dass dieselbe Person, die uns vorher so nett erschienen ist, bedrohlich, unheimlich, gefährlich wirkt.