Die Kamera erzählt ...

Seit den Anfängen des Films um 1900 hat sich die Sprache des Films in vielen Bereichen weiterentwickelt und differenziert.

Ebenso wie erzählende Texte (Epik) erzählen (Spiel-)Filme Geschichten. Und neben dem, was erzählt wird (Inhalt) ist die Methode des Erzählens (WIE) in beiden Medien von zentraler Bedeutung.


In epischen Texten ist die Erzähler-Figur - also die Erzählhaltung und die Erzählperspektive - der zentrale Filter und das zentrale Gestaltungselement. Sie bestimmt, aus welchem Blickwinkel die Geschichte erzählt wird, wählt aus, zieht Elemente in den Vordergrund oder schiebt andere Elemente in den Hintergrund, gibt (mehr oder weniger subtile) Bewertungen vor, ist für Leerstellen und Auslassungen und blinde Flecken verantwortlich etc. 


Im Spielfilm übernimmt vor allem die Kamera diese Filter-Funktion. Mit der Kamera wird ein bestimmter Ausschnitt aus einem größeren Ganzen eingefangen und damit zu einem Element der Erzählung. Die Kamera definiert Nähe und Distanz zum Geschehen. Der Kamerablickwinkel vergrößert (von unten) oder verkleinert (von oben). Kamerabewegungen definieren, wie wir uns einem Element in der Geschichte annähern oder wie wir uns von ihm wegbewegen etc.


Ergänzt wird die Wirkung der Kamera durch Lichteffekte, Toneffekte und Montage, also durch das Zusammenfügen einzelner Sequenzen zu einer "Geschichte" mit einer inneren Erzähllogik. 


Wie episches Erzählen im Text und im Film funktioniert, können wir bei Literaturverfilmungen gut beobachten. Denn dort zeigen beide Medien  dieselbe Geschichte. Aber jedes Medium tut das auf eine für es charakteristische Weise. Und jedes Medium hat seine ganz charakteristischen Stärken, die gute Autoren einerseits und gute Drehbuchautoren / Regisseure / Kameraleute / ... andererseits zu nutzen wissen, um beim Leser oder beim Zuschauer eine ganz spezifische Wirkung zu erzielen. 

Vergleich Text und Film

literarischer Text, z. B. Roman

Spielfilm, z. B. Romanverfilmung

   
WAS? Inhalt, Geschichte, Inhaltliche Elemente
  • literarischer Text und Spielfilm erzählen Geschichten, sind also narrativ
  • literarischer Text und Spielfilm fiktionalisieren, d.h. sie arbeiten (im Unterschied zum Sachtext und zum Dokumentarfilm) in einem Phantasie- oder Möglichkeitsraum; sie bilden Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern gestalten sie um und reagieren auf sie, indem sie sie weiterdenken, verdichten, variieren, neu komponieren etc. 
  • literarischer Text und Spielfilm kennen Figuren als HandlungsträgerInnen; Figuren haben bestimmte Charaktere, eine +/- differenzierte Identität, eine +/- ausgestaltete Geschichte, eine mehr oder weniger differenzierte Figurenpsychologie, entsprechen bestimmten Typen, ...
  • Literarische Texte und Spielfilme situieren Geschichten in einem raum-zeitlichen Umfeld, das mehr oder weniger differenziert ausgestaltet ist
  • Literarische Texte und Spielfilme arbeiten mit einem "doppeltem Boden" (konkrete Handlung <--> Tiefendimension) und Mehrdeutigkeiten; sie verwenden Motive, Symbole etc. als Stilmittel der Verdichtung
  • Literatur und Film arbeiten mit Spannungsmomenten und Überraschungsmomenten und spielen mit der Erwartungshaltung von LeserInnen
  • Je nachdem steht der Unterhaltungscharakter („Flucht aus Realität“) oder der Anspruch auf kritische Reflexion der eigentlichen Realität im Vordergrund (Unterhaltung çè Bildung)  

  • Einteilung in Gattungen und Genres
Gattungen und Genres
  • Gattungen: z. B. Roman, Erzählung, Novelle, Kurzgeschichte, Märchen, …
  • Genres: z. B. Krimi, Science-Fiction, Abenteuer, ..
  • Gattungen: Kurzfilm, Comic, Monumentalfilm, Blockbuster, B-Movie, …
  • Genres: Krimi, Science-Fiction, Horror, Abenteuer, …

Darstellungsform
  • episch = erzählend
  • Figur des Erzählers bestimmt, WIE die Geschichte erzählt wird
  • monolinear (eine Information nach der anderen; WORT und SATZ als Informationsträger)
  • dramatisch = darstellend (ähnlich wie Theater)
  • Die Kamera bestimmt, WIE die Geschichte erzählt wird

  • vieldimensional (viele Informationen gleichzeitig; BILD als Informationsträger) èGeschwindigkeit, Verdichtung 
Perspektivierung
Figur des Erzählers
  • strukturiert Geschehen in Raum und Zeit
  • wählt aus, was Teil der expliziten Geschichte ist
  • stellt Räume, Zeiten, Figuren vor
  • kommentiert, reflektiert und bewertet (je nachdem)

Erzählperspektive

  • Filterung des Geschehens durch die Erzählperspektive und den Standpunkt des Erzählers
  • bestimmt die Nähe / die Distanz zum Geschehen

 

 

 

generell: mittelbares, distanziertes Erzählen: Sprache (Wort, Satz, Text) als zentrales erzählerisches Element

Kamera als Erzählerin

 

  • filtert durch gewählten Bildausschnitt, die Kameraperspektive, die Kamerabewegung, die Einstellungslänge

Montage:

  • raumzeitliche Strukturierung des Geschehens durch Schnitt und unterschiedliche Formen der Montage

Verbindung von Bild und Ton:

  • Musik (Symbolik, Leitmotive, Emotionen)
  • Geräusche
  • Figurenrede

generell: unmittelbares (sinnliches) Erzählen; Bild als zentrales erzählerisches Element

Medium

Sprache als zentraler Vermittlungskanal 

  • lineare Struktur: eine Information nach der anderen ==> Reduktion der Informationsdichte
  • nur mittelbar sinnlich (Sinnlichkeit entsteht "in der Fantasie" des Rezipienten); theoretisch können alle Sinne gleichwertig sein
  • zeitlich autonome Rezeption (der Leser bestimmt das Tempo); generell langsamer Vermittlungskanal

 

Bild als zentraler Vermittlungskanal

  • plastisch: viele Informationen nebeneinander und gleichzeitig ==> Verdichtung von Information
  • vorwiegend unmittelbar sinnlich (Sinnlichkeit entsteht durch unmittelbare / undistanzierte Wahrnehmung des Rezipienten);
    Dominaz des Seh-Sinns; ergänzend: Hör-Sinn; andere Sinne (Haptik, Wärme, Geschmack, Geruch, Schmerz, ...) nur durch mittelbare / indirekte Darstellung
  • zeitlich vorstrukturierte / vorbestimmte Rezeption

 

 

 

Raum und Zeit

räumliche und zeitliche Strukturierung durch den Erzähler (Rückblenden, Zeitsprünge, Zeitraffungen, ...)

raumzeitliche Strukturierung durch das Bild (Bildkomposition) und durch die Montage (Parallelmontage, ...)

Figurengestaltung

  • Figurengestaltung durch den Erzähler von außen (Verhalten) und innen (Erleben); in der modernen Literatur dominiert oft die innere Handlung; 

  • direkte Figurengestaltung (Verhalten, Erleben) und indirekte Figurengestaltung (Erzählerkommentar) 
  • Figurenbewertung durch den Erzähler

  • äußere Leerstellen --> Ergänzungen durch die Phantasie des Lesers (z. B. Aussehen) 

 

 

  • Dominanz der außenorientierten Figuren-Gestaltung
    Außenhandlung (Verhalten, Aussehen, Aussagen, ...) ist leichter darstellbar als Erleben (Denken, Fühlen, Vorstellen, ...); Innenhandlung ist nur indirekt darstellbar
  • Dominanz der direkten Beschreibung

  • v. a. Figurenbewertung durch das Bild (Aussehen der Figur, Kameraperspektive, Licht, Musikbegleitung, ...)
  • innere Leerstellen (Erleben, Handlungsmotive, Emotionen, ...) --> Ergänzungen durch die Phantasie des Lesers

 

 

Symbolik
Begriffe als Symbolträger Bild (Objekte, Farben) als Symbolträger
Ästhetik
verbale Ästhetik (künstlerische Sprache, Wortfiguren, Satzfiguren, Stilmittel wie Ironie, Übertreibung, ...)

visuelle (und akustische) Ästhetik

 

Vergleich Erzählperspektive und Kameraführung

Erzählperspektive

Kameraführung

   

auktoriale Erzählperspektive: ein außenstehender,
angeblich alles wissender Erzähler führt
durch die Geschichte



distanzierende Kameraführung; "objektive Kamera" ==>

  • Blick von außen auf das Geschehen
  • verschiedene Einstellungsgrößen
  • Zoom

personale Erzählperspektive: Blick von außen
auf den Protagonisten; Blick auf Innenhandlung des
Protagonisten; Protagonist als "Filter"





Wechsel / Montage von objektiver Kamera (Bild auf Figur)
und bewegter Kamera (Kamerafahrt), die den Blick des
Protagonisten übernimmt

beispielsweise blickt die Kamera von außen
auf eine im Auto fahrende Figur --> Montage: bewegte
Kamera begleitet die Figur


Ich-Erzähler: eine handelnde Figur ist
der Erzähler; eingeengte Wahrnehmung, eingeengtes
Wissen, z. T. verzerrte Perspektive


Dominanz der subjektiven Kamera
 (Kamerafahrt und subjektive Kamera,
die die Wahrnehmung einer Figur imitiert)


insgesamt: monoperspektivisches Erzählen:
die gewählte Erzählperspektive bleibt während
des gesamten Textes erhalten


insgesamt: mehrperspektivisches Erzählen:

Montage unterschiedlicher Erzählpositionen

/ Blickwinkel auf das Geschehen


Arbeitsaufgaben