Einen Film analysieren. Beispiel "Sortie"

Spannung oder Erkenntnis? Erleben oder Reflektieren ... 

einfühlende, spannungsorientierte Rezeption


Wenn wir eine Geschichte lesen oder einen Spielfilm anschauen, suchen wir in den meisten Fällen Spannung, Unterhaltung, Abwechslung zu einem manchmal etwas langweiligen Alltagsleben. Wir werden versuchen, uns von der Erzählung "gefangen nehmen zu lassen", uns in die Geschichte hineinzufühlen oder hineinzuversetzen, mit den Figuren mitzufühlen etc. Profis sagen, ein Autor eines Romans habe maximal fünf Seiten Zeit, eine Leserin zu fesseln. Wenn ihm das nicht gelinge, lege sie das Buch wieder zur Seite. 


Man spricht in diesem Zusammenhang von einer identifikatorischen Rezeption. Damit wollen wir quasi in der Geschichte aufgehen und die Spannung, die die Geschichte vermittelt, unmittelbar spüren. 


Wir könnten diese Form der Rezeption vergleichen mit der Haltung, die ein Mensch hat, der mit einem anderen Menschen (z. B. weil er an Krebs erkrankt ist), mitfühlt, mitempfindet, sich in ihn hineinversetzt, sich vorstellt, wie es ihm geht etc. 


Analytisch-Reflektierende Rezeption


Etwas ganz Anderes ist es, wenn wir eine Geschichte im Hinblick auf ihre erzählerischen Merkmale und im Hinblick auf die angewandten erzählerischen Techniken oder im Hinblick auf ihre mögliche Wirkung oder im Hinblick auf ihre "unterschwelligen ideologischen Subbotschaften" oder im Hinblick auf andere Fragestellungen untersuchen.  Dann müssen wir in eine distanzierte Außenperspektive gehen. Wir müssen bestimmte Textmerkmale herausdestillieren und kritisch untersuchen. 


Wir können diese Form der Rezeption vergleichen mit der Haltung, die eine Chirurgin einnimmt, wenn sie bei einem Krebspatienten einen Tumor operativ entfernt. Sie muss mit einem fachlich-distanzierten Blick und mit analytischer Genauigkeiten arbeiten und vorgehen. Mitgefühl mit dem armen Menschen, der die Operation vielleicht gar nicht überleben wird, wäre in der Situation unangebracht. 


Beide Rezeptionsformen sind wichtig und ergänzen sich gegenseitig. Aber in den allermeisten Fällen können wir beide Rezeptionsformen nicht gleichzeitig bewältigen. Wir müssen sie "hintereinander" schalten. Das braucht natürlich entsprechend viel Zeit. Aber - und das ist die gute Nachricht - genau der analytische Blick auf Erzählungen macht die einfühlende Rezeption mit der Zeit auch viel interessanter und spannender und vielschichtiger. Die Arbeit zahlt sich also aus.  


Zum Beispiel "Sortie"

Schauen wir uns nochmals den kurzen Film "Sortie" an. Eigentlich würden wir diese Art Film heute nicht als Spielfilm, sondern als Dokumentar-Film sehen. Doch auch dieser Film erzählt - zumindest in rudimentärer Form - eine Geschichte. Und er lässt sich im Hinblick auf sehr viele Merkmale analysieren. Und so können wir zentrale Kategorien der Filmanalyse bereits an diesem Beispiel kennenlernen und ausprobieren. 

Arbeitsaufgaben zum Film

Arbeitsblatt zur Analyse des Films
AB1_Sortie_Analyse.docx
Microsoft Word Dokument 386.3 KB

Zentrale Ebenen der Filmanalyse im Überblick

Ebene
Elemente
Inhalt:
WAS?
  • Genre, in das der Film einzuordnen ist
  • Thema, das der Film behandelt
  • Plot; Fabel
  • Raum und Zeit
  • Atmosphäre, Grundstimmung
  • Figuren, Figurenkonstellation
  • Handlungsstränge (Haupthandlung, Nebenhandlungen)
  • einzelne Handlungselemente; Spannungselemente, Spannungsbogen; Konfliktfelder, 
  • Motivfelder (Motive = kleine bedeutungstragende Elemente, z. B. Tod, Liebe, Gewalt, Natur, Arbeit, ...), die sich unterschiedlich gestalten lassen
  • Symbolik (Elemente, Raum, Farben, ...)
  • ...

Form:
WIE?


Bildgestaltung; Mise en scene = Gestaltung während des Drehs

  • Kameraeinstellung, Einstellungsgrößen (von Panorama bis Detail)
  • Einstellungsdauer (Länge der durchlaufenden Kamera; Einheit zwischen zwei Schnitten)
  • Kameraperspektive (Normalsicht, Untersicht, Aufsicht)
  • Kamerabewegung (Zoom, Fahrt, Schwenk, ...)
  • Beleuchtung
  • Farbgestaltung; Signalfarben (z. B. Rot)
  • Raumgestaltung (Innenaufnahmen, Außenaufnahmen, Requisiten); Räumgestaltung ist auch im Hinblick auf Stimmung und Symbolik wichtig
  • äußere Figurengestaltung (Schauspieler-Typen; Aussehen, Kleidung, Attribute, ...)


Tongestaltung

  • Figurenrede!!! (Monologe, v.a. Dialoge) --> WAS?? WIE (Sprachniveau, Stimme als Sprechinstrument, ...)
  • Geräusche (Spannungselement, vorausdeutende Wirkung, oft hyperrealistisch = übertrieben stark)
  • Musik / Score: emotionale Färbung; Spannungselement; Unterscheidung von Titelmusik, Leitmotiven, Akzentmusik (Spannung)
  • O-Ton <--> Nachvertonung <--> Synchronisation; Off-Ton als Kommentar // Stimme aus dem Off


Schnitt / Montage = Gestaltung am Schneidepult / nach dem Dreh

  • räumliche und zeitliche Kontinuität: die Geschichte entsteht aus der Aneinanderreihung verschiedener Kamera-Einstellungen; logische und optische Kontinuität sind wichtig (bei genauerer Betrachtung findet man in fast allen Filmen Anschluss-Fehler) 
  • Zusammenfügen der Einstellungen zu Szenen (kleine Erzähleinheit; an einem Ort zu einem Zeitpunkt) 
  • Anordnung der Szenen nach einem bestimmten Kompositionsprinzip zu Filmabschnitten und zum Film; z. B. chronologisches Erzählen <--> Zeitbrüche <--> Rückblenden <--> Vorausdeutungen; parallele Handlungsstränge ineinander montieren
  • Spezial-Effekte, z. B. Zeitlupe, Zeitraffer, Animationen, Montagen, ...

Kontext: WARUM? WOZU?

Genre

  • Zuordnung zu einem bestimmten Genre
  • Genretypische inhaltliche und gestalterische Merkmale 
  • genre-untypische inhaltliche und gestalterische Merkmale 

Quellen und Bezugspunkte außerhalb des Films

  • literarische Grundlagen? Literaturverfilmung? Bezugnahme zu anderen Filmen? 
  • historischer Hintergrund; Daten und Fakten, auf die der Film sich bezieht
  • gesellschaftspolitische oder soziale oder philosophische Fragen und Themen im Hintergrund 
  • Aktualität
  • Nähe zur historischen Realität (dokumentarischer Charakter <----> fiktionaler / märchenhafter Charakter)

Intention

  • Unterhaltung / Spannung / Action <----> Reflexion / Auseinandersetzung / Provokation / Verstörung
  • gewolltes weltanschauliches / politisches Statement? 
  • subtile / ungewollte / unreflektierte weltanschauliche oder politische "Sub-Botschaft" (schwingt mit; im Hintergrund) 

Filmästhetik

  • Elemente künstlerischer Filmgestaltung
  • Umgang mit Symbolik, Zitaten, ...
  • Umgang mit Rezeptionsgewohnheiten // narrativen Traditionen = Erzähltraditionen