Interpretationsansätze im Überblick

WAs bedeutet Interpretieren?

Wir unterscheiden zwischen Sachtexten und fiktionalen Texten (also: literarischen Texten). Dazu zählen z. B. Kurzgeschichten. Fabeln, Gedichte oder Theaterstücke.

 

Literarische Texte sind per se "interpretationsoffen". Das heißt: sie haben keine eindeutige "Botschaft", sondern ermöglichen unterschiedliche Zugänge und mehrere Interpretationen. 

 

Ziel des Deutsch-Unterrichts ist es, das Verständnis für literarische Texte zu vertiefen. LeserInnen sollen einzelne Textmerkmale erkennen und ihre Wirkungsweise verstehen lernen. Und es geht darum, Interpretationsmöglichkeiten zu erkennen und gute von schlechten oder fragwürdigen Interpretationen zu unterscheiden. 


Werkimanent

Analysieren bedeutet, die Tiefenstruktur eines Textes, also: seine konkreten Textmerkmale, zu beschreiben. Aussagen müssen sich durch konkrete Texthinweise belegen lassen. 

 

Analysieren können wir 

  • Inhaltliches: Handlung, Erzähl-perspektive, Erzählhaltung, Raum und Zeit, Figuren, Symbolik, ...
  • Sprachliches: sprachliche Mittel der ästhetischen Gestaltung, z. B. rhetorische Figuren
  • Formales: Aufbau eines Textes (Einstieg, Schluss, Abschnitte, ...); Umgang mit den Merkmalen, die für eine bestimmte Textsorte (z. B. Kurzgeschichte) typisch sind. 

Die Textanalyse bezeichnet man manchmal auch als werkimmanente Interpretation

 

Beispiel "Fenstertheater": Wir analysieren die Erzählperspektive und der Erzählhaltung(Blick des Lesers auf die Geschichte durch die "Augen der Protagonistin" --> Verhalten des Mannes erschließt sich erst mit dem letzten Absatz)

Produktionsorientiert

"Produktionsorientiert" bedeutet: Wir deuten einen Text im Hinblick auf seinen Entstehungshintergrund. Dabei können wir einen Text (oder ein Element in einem Text) z. B. in Beziehung setzen ...

  • ... mit dem Autor, seiner Lebenswirklichkeit, seinem Weltbild, seinem Verständnis von Literatur, ... 
  • mit der Zeit, in der ein Werk entstanden ist (und der Art-und-Weise, wie es auf Zeitthemen reagiert)
  • Im Vergleich mit anderen literarischen Werken, die dasselbe Thema oder denselben Stoff behandeln (z. B. "Faust"-Stoff) 

Beispiel "Fenstertheater": Wir fragen, ob Autorin Ilse Aichinger Ähnlichkeiten mit der Protagonistin im Text hat (Antwort: eher nein) oder fragen, ob der Text Themen aufgreift, die typisch für die unmittelbare Nachkriegszeit sind (Antwort: eher nein). Wir fragen weiter, ob Textsorte Kurzgeschichte typisch für Nachkriegsliteratur ist. (Antwort: ja. Daher könnten wir hier einen Ansatz für eine produktionsorientierte Interpretation finden. )

Rezeptionsorientiert

"Rezeptionsorientiert" bedeutet: Leser deuten einen Text vor ihrem eigenen Erfahrungshintergrund. Normaler-weise gehen sie dabei von einem der (wichtigen) Themen aus, um die es im Text geht. Sie vergleichen die Bearbeitung des Themas im Text mit der Relevanz, die das Thema ihrem Leben haben. Oder sie vergleichen die Bearbeitung des Themas im Text mit ihrem eigenen "Weltwissen". Dabei fragen sie sowohl nach Gemeinsamkeiten (Ähnlichkeiten) als auch nach Unterschieden. 

 

 

 

Beispiel "Fenstertheater": Wir könnten über die Themen Vorurteile, Voyeurismus oder Einsamkeit Ansatzpunkte für rezeptionsorientierte Interpretationen finden. Auch das Fenstermotiv könnte ein Ansatzpunkt für eine rezeptionsorientierte Interpretation sein (Geschichte: Fenster: passiver Beobachter des Geschehens "in der Welt" <--> heute: Medien: Bildschirm als Fenster zur Welt)