Fiktive Meinungsrede zum Thema Aufklärung und Bildung (Kant: Was ist Aufklärung?)

Verehrte LehrerInnen, verehrte Lehrer!

 

„Ich befürchte, eine allzu sorgsame Erziehung beschert uns nur Zwergenobst.“ Diese Befürchtung äußert mein verehrter Zeitkollege Georg Christoph Lichtenberg. Ich vermute, er beschreibt damit nicht nur seinen eigenen Physikunterricht vor 250 Jahren an der Hochschule in Göttingen.

 

Ich freue mich sehr, dass ich auf diesem Lehrer-Kongress im schönen Bregenz im November 2018 zu Ihnen sprechen darf. „Erziehung und Unterricht im Lichte der Aufklärung“ solle das Thema heißen, hat man mir gesagt. Aber ich bin hier und heute auch etwas nervös. „Was kann der uns schon sagen? Dieser alte, völlig aus der Zeit gefallene Philosoph? Von den Schwierigkeiten, mit denen wir an unseren Schulen heute kämpfen, der hat doch gar keine Ahnung!“, werden Sie sich vielleicht denken. „Kann der überhaupt einschätzen, was unsere Aufgabe als Lehrerinnen und Lehrer im 21. Jahrhundert ist? Was wir jungen Menschen beibringen sollen? Und wie schwierig das ist?“ Ihre Skepsis ist verständlich, komme ich doch aus dem 18. Jahrhundert und damit aus einer ganz anderen Welt!  Doch ich hoffe, Sie geben mir eine Chance.

 

In der Vorbereitung fragte ich mich: Gibt es etwas, was Ihnen als LehrerInnen und Lehrer ebenso ein Anliegen ist, wie mir und meinem geschätzten Kollegen Lichtenberg von über 200 Jahren. Ja, meine verehrten Lehrerinnen und Lehrer, dieses Gemeinsame gibt es. All unser Bemühen, all unsere Erziehungsanstrengung, all unsere pädagogische Leidenschaft dient einem Ziel: Wir wollen, dass junge Menschen zu vernünftigen, kritisch denken jungen Menschen heranwachsen. Natürlich wollen Sie Ihren Schülern Wissen vermitteln: 30jähriger Krieg, Algebra, die chemische Formel für Zucker, den Inhalt von Goethes „Faust“. Doch Wissen allein ist zu wenig. Das Ziel ist Bildung. Und jungen Menschen zu Bildung zu verhelfen ist etwas ganz anderes, als Wissen weiterzugeben. Das war schon zu meiner Zeit so. Und das ist auch in der heutigen Zeit so geblieben. Davon bin ich überzeugt. Deshalb möchte ich zu Ihnen reden. Ich möchte Sie ermutigen: Versuchen Sie, Ihre Schülerinnen und Schüler zu selbständig denkenden, kritischen Menschen zu erziehen.  „Sapere aude!“, also: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“; „sapere aude“, die Forderung, die ich ins Zentrum meines Aufsatzes „Was ist Aufklärung?“ gestellt habe, sollte auch das sein, was Sie Ihren Schülerinnen und Schülern jeden Tag vermitteln sollten. Denn so sehr sich Ihre Welt und die Welt Ihrer SchülerInnen auch in den letzten 200 Jahren geändert hat, eines ist gleich geblieben: Wir brauchen kritisch denkende und in einem umfassenden Sinn gut gebildete junge Menschen. Heute mehr und dringender denn je.

 

In meiner Rede möchte ich Ihnen zunächst einmal erklären, warum Bildung mehr ist als Wissen. Dann möchte ich Ihnen zeigen, dass Bildung gerade im 21. Jahrhundert das wichtigste Kapital ist, das junge Menschen in ihr Leben mitnehmen können. Und schließlich möchte ich Ihnen Mut machen: Bildung zu vermitteln, kann gelingen. Nicht immer. Aber öfters, als Pessimisten wie Lichtenberg in seinem „Zwergenobst-Aphorismus“ befürchten.

 

Warum ist Bildung etwas anders als Wissen?

 

Wenn ich in den letzten Tagen durch die Straßen von Bregenz gegangen bin, ist mir bewusst geworden, wie unwissend ich bin. Die hell erleuchteten Straßen in der Fußgängerzone; die selbstfahrenden Kutschen, die Sie Autos nenne; die vielen Produkte in Ihren Supermärkten, aus denen sie mit Hilfe Ihres elektrischen Küchenpersonals wohlschmeckende Gerichte zubereiten; vor allem aber die Wunder-Rechen-Lese-und-Schreibmaschinen, die Sie und Ihre Schüler im Unterricht verwenden: all das ist mir praktisch unbekannt. Weder weiß ich, wer diese Produkte erfunden hat. Noch weiß ich, wie Sie funktionieren. Und schon gar nicht weiß ich, wie man solche Produkte herstellt. Ich bin unwissend in einem allerhöchsten Grad. Doch ungebildet bin ich nicht. Denn das, was ich in meiner Zeit gelernt habe, hilft mir jetzt, diese mir fremde Welt in kurzer Zeit wesentlich besser zu verstehen. Denn ich habe, zu meinem Glück, würde ich sagen, denken gelernt. Deshalb kann ich vergleichen. Und ich sehe, dass Ihre Autos etwas ähnliches leisten wie die Pferdekutschen, in denen die Menschen zu meiner Zeit unterwegs waren. Sie bringen die Menschen zum Beispiel von Königsberg (wo ich gelebt habe) nach Bregenz. Heute geht das schneller und bequemer als zu meiner Zeit. Das hat offensichtlich große Vorteile. Und ein paar Nachteile hat es auch. Denn die Straßen waren, als ich meine berühmten Spaziergänge durch Königsberg gemacht habe, weniger laut, weniger hektisch und vor allem weniger gefährlich. Die Welt, in der Ihre Schülerinnen und Schüler heute leben, verändert sich. Wissen kann veralten. Niemand muss heute mehr wissen, wie man einem Pferd die Hufen wechselt. Heute muss man ein Auto bedienen können. Morgen muss man vielleicht wissen, wie man ein Auto richtig programmiert, damit man pünktlich beim Kongress in Bregenz ist und nicht irrtümlich in Göttingen landet. Wissen veraltet. Doch Bildung bleibt. Denn die grundlegende Fähigkeit, nachzudenken, Meinungen zu hinterfragen, Entscheidungen zu treffen; also Bildung werden die Menschen, die heute bei Ihnen in die Schule gehen, auch noch brauchen, wenn sie 30, 50 oder 80 Jahre alt sind.

 

Warum ist Bildung im 21. Jahrhundert das wichtigste Kapital fürs Leben? […]

 

 

Sehr geehrte LehrerInnen und Lehrer, in diesem Sinn möchte ich meine Ausführungen schließen. Ich danke Ihnen, dass Sie all Ihre Kraft und Ihre Energie jeden Schultag dafür verwenden, Ihren Schülerinnen und Schülern zu sagen: „Seid kritisch! Stellt Fragen! Denkt vor allem nach, bevor ihr etwas in einen Aufsatz schreibt.“ Denn der Mut selbst zu denken ist heute genauso wichtig wie zu meiner Zeit. „Sapere aude“ ist der Dünger gegen Zwergenobst-Ernten.