Textsorte Meinungsrede

Beispieltext (fiktive Rede einer literarischen Figur; Mephisto aus "Faust")

Liebe geehrte Zuschauerinnen und Zuschauer!

 

Der geschätzte Herr Erzengel Gabriel hat euch gerade eben in eurem selbstschmeichlerischen Ego noch weiter bestärkt. Er hat euch Lorbeeren gestreut. Er hat euch den wohlstandsverwöhnten Bauch gepinselt. Jetzt darf ich euch als Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ wieder auf den harten Boden der Realität und der traurigen Tatsachen zurückholen. Als Geist, der bekanntermaßen „stets verneint“, behaupte ich: Ihr seid leider alles andere als „die Krone der Schöpfung“. Ihr seid

Ihr selbst haltet euch für das Größte, Klügste und Beste, was die Erde zu bieten hat. Nun denn, eure Gesellschaft mag für euch ein Segen sein. Doch für die Erde, euren eigenen Planeten, seid ihr nichts als eine fette Made, die sich an ihrem Fleisch labt und sich immer weiter in sie hineinfrisst. Schließlich wird sie daran zugrunde gehen. In eurer Maßlosigkeit wollt ihr einen ganz entscheidenden Punkt nicht sehen: Mit der Erde werdet auch ihr sterben!

 

Nun mögen die ganz Schlauen unter euch behaupten, dass sie das nichts anginge. Denn das alles liege noch in weiter Ferne. Bis dahin hätten eure ach so klugen Wissenschaftler Lösungen gefunden, um Klimakollaps, Rohstoff-Ende und das atomare Abfallproblem zu lösen. Doch das Ende ist näher als ihr denkt! Euer Wahn nach Fortschritt und Geld wird euch schließlich zum Verhängnis werden. Ihr wisst, dass es bereits Anzeichen dafür gibt, aber ihr ignoriert sie. Wieso solltet ihr etwas ändern, wenn es sich do so viel bequemer lebt? Wieso solltet ihr auf eure SUVs und eure Urlaubsflüge verzichten? Wieso sollt ihr nicht auch das neueste Smartphone oder Tablet nach Hause schleppen? Der Nachbar macht’s ja auch! Und die Wirtschaft muss wachsen! Sollen die apokalyptischen Propheten und Gutmenschen sich doch die Finger wundschreiben: Ihr hört einfach nicht mehr hin! Ihr fragt euch, warum gerade ihr damit anfangen solltet, etwas zu ändern. (Warum nicht die Reichen, die Politiker, die Unternehmen, egal wer: auf jeden Fall die anderen) Ihr ändert euer Verhalten nicht! Im Nachhinein werdet ihr eure Hände in Unschuld waschen und behaupten, dass ihr die Katastrophe ja doch nicht verhindern hättet können.

 

Egoismus, Habsucht, Gier, Bequemlichkeit prägen euer Verhalten. Insofern seid ihr teuflischer, als ich es je sein könnte.

„Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt,
So viel als ich schon unternommen,
Ich wusste nicht ihr beizukommen“

 

Und so, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, möchte ich euch ganz herzlich danken! Ich bin – wie ich bekanntermaßen schon im „Faust“ selbstkritisch zugebe - mit meinem Versuch, die Erde zu vernichten, gescheitert. Ihr aber werdet mein Werk zu Ende bringen. Ich werde das Ganze mit viel Vergnügen von der Zuschauer-Tribüne aus verfolgen.

 

Ihr habt mich als Teufel arbeitslos gemacht, indem ihr meinen Job besser erledigt als ich selbst es je könnte. Den Glauben an mich habt ihr ja sowieso längst verloren, daher werden meine Worte bei euch auch nichts bewirken. Das beruhigt mich sehr. Ich wäre gerne stolz darauf, dass ich euch zu kurzsichtigen und egoistischen Konsumidioten gemacht habe. Aber das wäre anmaßend. Denn das habt ihr mit euren verdummenden Medien, euren kurzsichtigen Politikern, euren geschäftstüchtigen Werbeleuten und euren größenwahnsinnigen Bankern selbst geschafft.

 

Ihr habt mich in den letzten 100 Jahren sehr gut unterhalten! Und ihr werdet mir auch in den nächsten 100 Jahren viel Freude bereiten. Der Höhepunkt meines Vergnügens wird dann euer Ende sein! Und euch wird – im Unterschied zum seligen Gretchen und zum unseligen Faust – kein Gott in letzter Sekunde retten! Eure Seelen gehören mir!

Ich bedanke mich herzlich für eure geschätzte Aufmerksamkeit und wünsche euch weiterhin einen unterhaltsamen Abend. Lasst euch nicht die gute Laune nehmen! The Show must go on!

(570 Wörter)

 

Anmerkungen zum Text

***** 

 

Schülerarbeit; überarbeitete Schularbeit; Arbeitsauftrag: Meinungsrede im Anschluss an „Faust“; Mephisto hält in einer Talkshow eine Rede und beweist, dass / warum die Welt und die Menschen in seinen Augen schlecht sind