Die Empfehlung als Textsorte

Textmerkmale Empfehlung

 

Definition Textsorte

 

Wer eine Empfehlung formuliert, beschreibt – abhängig von einer konkreten Fragestellung – einen Sachverhalt. Aus dieser Beschreibung leitet er ein Werturteil und / oder einen Appell ab. Werturteil und / oder Appell müssen argumentativ abgesichert sein.

Daher umfasst eine Empfehlung immer vier Teilaspekte:

 

ð  Beschreibung des Sachverhalts (Schreibhaltung: Beschreiben) 

ð  Wertungsfrage, um die es in der Empfehlung geht, ausdrücklich formulieren (Muss immer eine Entscheidungsfrage sein, z. B. "Ist der Spielfilm "Die Akte Grüninger" für den Schulunterricht geeignet?")

ð  Argumentative Diskussion einer Entscheidungsfrage, die sich aus dem Sachverhalt ergibt (Schreibhaltung: Argumentation) (Z. B. Stärken und Schwächen des Spielfilms in Thesenform darlegen.) 

ð  Die Argumentation mündet in ein abschließendes grundlegendes Werturteil. Daran schließt sich ein Appell an die Adressaten an. (Ich empfehle, den Spielfilm "Die Akte Grüninger" im Unterricht einzusetzen. Besonders geeigent ist er für ...." ;) (Schreibhaltung: Werten, Appellieren)

 

Eine Empfehlung steht immer in einem ganz konkreten situativen Kontext. Sie richtet sich immer an einen Entscheidungsträger. Es geht immer um die Diskussion aus einer konkreten Rolle / Perspektive (Elternsicht im Schulgemeinschaftsausschuss zur Frage, ob Handys verboten werden sollen; Perspektive des Betriebsrats in einem Unternehmen zur Frage, ob ein Großraumbüro eingerichtet werden soll), Und es geht immer um eine ganz konkrete Entscheidungsfrage (z. B. Entscheidung über bestimmte Anschaffung, Verbot von X …) 

Empfehlungen, die eine bestimmte Expertise voraussetzen, sind Gutachten (Gericht: forensisches Gutachten zur Frage, ob X. zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig gewesen ist; Gutachten zur Frage, ob das Opfer Y. noch gelebt hat, als es in den Fluss gefallen ist; Sachgutachten z. B. zur Frage, ob Bubble-Tea gesundheitsgefährliche und krebserregende Stoffe enthält; Gutachten zur Frage, ob die Firma Z. die insolvente Firma V. aufkaufen und weiterführen soll)

 

Qualitätsmerkmale

 

Inhaltliche Merkmale

ð  Konsequente Bezugnahme auf eine klar definierte Aufgaben- und Fragestellung; Zielorientierung

ð  Fundierte Sachkenntnisse; genaue und nachvollziehbare Darlegung des relevanten Sachverhalts; Belege für Aussagen und Behauptungen

ð  Beschreibung der Handlungsalternativen, die sich aus dem Sachverhalt ergeben (Was spricht gegen die Zurechnungsfähigkeit von X? Was spricht für die Zurechnungsfähigkeit von X?)

ð  Argumentative Widerlegung der Handlungsalternative A; argumentative Bestätigung der Handlungsalternative B.; logisch korrekte, nachvollziehbare und vollständige argumentative Darlegung

ð  Gewichtung der Argumentation; Konzentration auf die wesentlichen argumentativen Gesichtspunkte

ð  Logische Widerspruchsfreiheit der Gesamtaussage! daher: Gegenargumente widerlegen oder zumindest entkräften

 

Sprachliche Merkmale

ð  Sachsprachlicher Grundton

ð  Sprachliche Eindeutigkeit und Genauigkeit

ð  Sprachliche Konzentration und Knappheit; keine Redundanzen

ð  Leseradressierung / Leserorientierung (Auftrag!)

Formale Merkmale

ð  Klare, zielorientierte und nachvollziehbare Gliederung; erkennbare Grundkomposition

 

Aufbau, Struktur

Einleitung

Ausgangspunkt; Definition der Aufgabenstellung; Ableitung der Diskussionsfrage (Alternativ-Frage)

Hauptteil:

ð  Beschreibung des relevanten Sachverhalts

ð  Argumentative Darlegung der gegensätzlichen möglichen Positionen

ð  Schlussfolgerung: Werturteil / Appell (der gesamte Text ist auf das abschließende Werturteil hin konzipiert)

Schluss:

ð  Resümee / eventuell kurze Reflexion / Ausblick in die Zukunft / Dank für Auftrag

 

Umfang           Der vorgegebene Umfang muss eingehalten werden

 

Erarbeitungsschritte  

Planungsphase:

 

Schritt 1: Klären der Aufgabenstellung / Fragestellung; thematischer Kontext; Erwartungshaltungen des Aufgabenstellers

Schritt 2: Klären des Sachverhalts; Quellenstudium; grundlegende theoretische Positionen; Fachvokabular; ….

Schritt 3: zentrale für die Fragestellung relevante Thesen formulieren; Thesen müssen Teilantworten auf die Fragestellung sein

Schritt 4: Textkonzept erstellen (Strukturplan)

Schreibphase:

Schritt 5: Reinschrift

Überarbeitungsphase (Schritt 6): Optimierung der Arbeit in inhaltlicher und sprachlicher Hinsicht; eine formale Überarbeitung sollte vermieden werden (Gefahr inhaltlicher Bruchstellen)

 

Ähnliche Textsorten      Gutachten, Plädoyer, Stellungnahme, Rezension

 

 

Textbeispiel Empfehlung (Gutachten zu einem literarischen Text)

Gerichtsguten: Persönlichkeitsanalyse Bahnwärter Thiel

Dornbirn, 30. 6. 2013

Als gerichtlich beeidete psychiatrische Gutachterin habe ich mich im Auftrag des Gerichts mit einer Persönlichkeitsanalyse des Bahnwärters Thiel befasst. Dabei war es mein Auftrag, zu bewerten, ob Thiels Tat die Folge einer psychischen Erkrankung, konkret: einer schweren Persönlichkeitsstörung, ist. 

Thiel steht vor Gericht, weil er seine zweite Frau Lene und seinen Sohn aus zweiter Ehe getötet hat. Die Tat selbst steht außer Zweifel. Fraglich ist, ob und inwiefern Thiel zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig und damit schuldfähig gewesen ist. Das psychiatrische Gutachten soll zur Klärung dieser Frage beitragen. Thiel ist etwa 45 Jahre alt und von Beruf Bahnwärter. Er ist in zweiter Ehe mit Lene verheiratet gewesen. Thiels erste Frau Lene ist im Kindbett verstorben. Aus erster Ehe hat Thiel einen Sohn, den fünfjährigen Tobias, der am Tag vor der Tat durch einen Zugsunfall ums Leben kommt.


Grundzüge der Persönlichkeit Thiels

Thiel ist von seiner Grundpersönlichkeit her ein introviertierter, eher rigider, sehr pflichtbewusster Mensch.

Thiel lebt schon lange Zeit in Schön-Schornstein, einem Dorf mit etwa 500 Einwohnern. Regelmäßig besucht er jeden Sonntag den Gottesdienst in Neu-Zittau. Auffallend ist, dass Thiel mit keinem der Dorfbewohner regelmäßig persönlichen Kontakt hat. Am Dorfleben nimmt er – von den Kirchgängen abgesehen – nicht teil. Nach dem Tod seiner ersten Frau Minna spricht er offenbar mit niemandem über seine Lebenssituation. Auch nachdem Thiel seine zweite Frau Lene geheiratet hat, bleibt das Paar im Dorf ohne Kontakt zu anderen.

Nach außen hin wirkt Thiel psychisch stabil. Er geht auch nach dem Tod Minnas seiner Arbeit pflichtbewusst nach und legt Wert auf ein korrektes äußeres Erscheinungsbild.

Thiel ist zunächst einmal eine äußerst gewissenhafte und pflichtbewusste Person. Psychoanalytiker würden in diesem Zusammenhang von einer Persönlichkeit mit einem sehr strengen und rigiden Über-Ich (Gewissen) sprechen. Deshalb ist es für Thiel äußerst wichtig, seinen Beruf sehr gewissenhaft auszuüben und seine beruflichen Pflichten nicht zu vernachlässigen. Genau aus diesem Grund bemüht sich Thiel auch, für Tobias bestmöglich zu sorgen. Denn das hat er seiner verstorbenen Frau Minna am Sterbebett versprochen. Und weil er selbst berufliche Verpflichtungen und die Sorge um Tobias nicht gleichzeitig bewältigen kann, heiratet er kurz nach dem Tod Minnas seine zweite Frau Lene.

Im Hinblick auf seine ES-Anteile (Triebe, Gefühle) ist zunächst einmal auffällig, dass Thiel nur schwer Zugang zu seinen Gefühlen findet. Er ist ein Mensch, der gelernt hat, Gefühle (Trauer, Angst, Aggression) zu verdrängen und zu unterdrücken. In der Ehe mit Lene entwickelt Thiel aber eine sexuelle Abhängigkeit. Dadurch gerät er in einen tiefen Konflikt. Die sexuelle Leidenschaft, die ihn an Lene bindet, ist gleichzeitig ein Verrat an seiner Liebe zu Minna, deren Tod er nie verkraftet hat. Thiel versucht diesen Konflikt zu lösen, indem er sexuelle Leidenschaft und emotionale Bindung aufspaltet. Die emotionale Liebe ist für Minna und Tobias „reserviert“. Die sexuelle Begierde ist auf Lene gerichtet. Beide „Welten“ hält Thiel strengstens auseinander.

Am wichtigsten für die Beschreibung der Persönlichkeit Thiels sind die Ich-Anteile. Das Ich ist im Modell der Psychoanalyse die Persönlichkeitsinstanz, die für einen Ausgleich zwischen oft widersprüchlichen Über-Ich-Normen und emotionalen Es-Empfindungen sorgen muss. Und hier ist entscheidend, dass Thiel wichtige Fähigkeiten, mit diesen Spannungen „gesund“ umzugehen, fehlen. Zunächst einmal fehlt Thiel die Fähigkeit, diese Spannungen überhaupt zu erkennen und in Worte zu fassen. Aus diesem Grund ist er weder fähig, seine psychische Überforderung selbst zu erkennen. Noch kann er nach außen hin signalisieren, dass er eigentlich Unterstützung und Hilfe benötigen würde. Dann fehlt Thiel die Fähigkeit, aggressive Energien konstruktiv zu nutzen. So müsste er Tobias vor den Übergriffen Lenes in Schutz nehmen. Dass ihm Minna im Traum erscheint und ein „blutiges Bündel“ mit sich trägt, zeigt, dass Thiel unbewusst sehr wohl sein Versagen und seine Schuld ahnt. Aber Thiel ist unfähig, adäquat zu handeln. Er schaut weg und flüchtet in Kompensationshandlungen, indem er mit den Dorfkindern spielt oder für Tobias ein Sparbuch anlegt.

Dass Tobias schwer verunglückt, erschüttert das fragile psychische Gleichgewicht, um das Thiel schon seit längerer Zeit kämpft.  Während er auf Nachricht von seinem schwer verletzten Sohn wartet, erleidet er einen psychotischen Anfall. Aus psychischer Perspektive brechen die Ich-Funktionen in diesem Moment zusammen. Thiel ist nicht mehr in der Lage, kritisch über sein eigenes Handeln nachzudenken und sein Verhalten zu kontrollieren. Er „kippt“ in den Wahn. Von Minna sieht er sich aufgefordert, Lene endlich „in die Schranken zu weisen“. In einem ersten Gewaltdurchbruch würgt er den Sohn aus zweiter Ehe. Offenbar tötet Thiel in der Nacht darauf Lene und das zweite Kind im subjektiven Wahn, Minna so zu besänftigen und sich von seiner Schuld „reinzuwaschen“. Dass Thiel sich am Morgen nach der Tat apathisch mit der Mütze des Tobias in der Hand festnehmen lässt, belegt, dass er die Tat in einer Art „Rauschzustand“ begeht und zum Tatzeitpunkt offenbar nicht in der Lage ist, die Tragweite seines Handelns zu erkennen.


Zusammenfassende Erkenntnis

Mit hoher Wahrscheinlichkeit tötet Thiel Lene und seinen Sohn in einer Art „paranoidem“ Rausch, also in einer akuten psychotischen Phase. Das bedeutet aus meiner Sicht, dass Thiel zum Tatzeitpunkt nicht oder nur sehr eingeschränkt zurechnungsfähig und schuldfähig gewesen ist. Er darf daher aus meiner Sicht nicht strafrechtlich verurteilt werden. 


Dr. Celestine Chello. Gerichtlich beeidete forensische Gutachterin.