Ein Beispieltext für eine Erörterung

Erörterung

 

Anna ist 18. In zwei Monaten macht sie die Matura. Auf ihre Maturareise verzichtet sie; anstattdessen hat sie sich von ihren Eltern eine Brustvergrößerung schenken lassen.

 

 In Amerika sind sie schon lange beliebt. Jetzt bahnen sich Schönheits-OPs auch ihren Weg in unseren Alltag. Die Zeiten, in denen kosmetische Korrekturen „den Schönen und Reichen“ vorbehalten waren, sind längst vorbei. Viele Menschen sind bereit, sich unters Messer zu legen, um sich eine neue Nase, einen größeren Busen, einen knackigeren Po oder einen Six-Pack modellieren zu lassen. Faltenkorrekturen mit Botox-to-go oder Fettabsaugungen scheinen sowieso selbstverständlich. Auffallend ist, dass auch immer mehr Männer zum Schönheitschirurgen pilgern. Außerdem werden die KundInnen der ästhetischen Chirurgen immer jünger.  

 

Warum sind so viele – auch junge – Menschen bereit, für eine chirurgische Schönheitskorrektur viel Geld auszugeben und sogar die eigene Gesundheit zu riskieren?

  

Ein Grund für den Boom von Schönheitsoperationen ist die aggressive Werbung für solche Eingriffe. Zwar gibt es für Ärzte ein Werbeverbot. Grundsätzlich dürften Kliniken und Ärzte also nicht für Schönheitsoperationen werben. Doch es gibt viele Möglichkeiten, dieses Verbot zu umgehen. In privaten Fernsehsendern gibt es Serien wie „Die Bodenseeklinik“, in der Menschen, die ihr Aussehen operativ verbessern lassen, im Mittelpunkt stehen. Es gibt auch Reality-Formate wie „I want a famous face“, in der ZuschauerInnen miterleben können, wie aus einem Durchschnitts-Entlein durch ein paar operative Eingriffe ein nach einem prominenten Vorbild modellierter angeblich schöner Schwan wird. Ästhetische Chirurgen sind in vielen Printmedien präsent und betreiben aufwändige Webseiten. Manche ästhetische Chirurgen, wie der Lindauer Schönheitschirurg Werner Mang, der die Bodensee-Klinik betreibt, sind geradezu Medienstars, die immer wieder in Talkshows eine Bühne bekommen. So ist es kein Wunder, dass viele Menschen mit der Zeit die Vorstellung entwickeln, eine Schönheitsoperation sei etwas völlig Normales und Alltägliches; ja sie sei geradezu ein selbstverständlicher Teil der Körperpflege.

  

Außerdem geben viele Prominente, nicht nur in den USA, inzwischen freimütig Auskunft über die ästhetischen Eingriffe, die sie an ihrem Körper vornehmen haben lassen. Und diese Menschen sind vielfach „Role-Models“ und Vorbilder, an denen sich normale „Durchschnittsmenschen“ in ihrer Lebensgestaltung orientieren.

 

Dazu kommt, dass sich unser Maßstab für das, was wir als „attraktiv“ empfinden, in den letzten Jahrzehnten stark verschoben hat. Der Grund ist, dass wir ständig mit den Bildern von (angeblich) sehr attraktiven und jungen Körpern konfrontiert werden. Sie lachen uns von Plakatwänden entgegen. Sie dominieren die Titelbilder von Zeitschriften und Journalen. Sie sind in Medien-Talkshows und Spielfilmen ständig präsent. Menschen mit „Durchschnittskörpern“ oder besonderen körperlichen Auffälligkeiten bekommen wir in der modernen Medienwelt praktisch nicht zu Gesicht; und wenn, dann in der Rolle des Verlierers, der Ewig-Zweiten oder des gutmütigen Mauerblümchens. Und wer will sich schon an der guten Film-Freundin, die zwar immer Verständnis hat, aber dafür selbst immer zu kurz kommt, orientieren? Wir wollen zu den „Durchstartern“ gehören. Und die sind attraktiv, lautet die versteckte Medienbotschaft.

 

 Ein weiterer Grund für die Zunahme von ästhetischen medizinischen Eingriffen ist sicher, dass Attraktivität und gutes Aussehen in der heutigen Zeit für viele Menschen aus beruflichen Gründen sehr wichtig sind. Attraktive Menschen haben nicht nur bessere Chancen bei der Suche nach dem Traumpartner fürs Leben. Sie haben – wie unterschiedliche Studien zeigen – auch viele Vorteile im Berufsleben. Sie finden leichter eine interessante Arbeitsstelle. Sie werden besser bezahlt. Sie haben bessere Aufstiegs- und Karrierechancen. Und das gilt auch für Bereiche, in denen das Aussehen für die eigentliche Arbeit völlig irrelevant ist; beispielsweise für Programmierer oder Buchhalterinnen.

  

Der aus meiner Sicht wichtigste Grund liegt aber auf der persönlichen Ebene. Viele Menschen glauben, ihr Leben wäre nach einer Schönheitsoperation besser und sie würden dadurch glücklicher. Dazu zählen Menschen, die sich ganz einfach  fünf Kilo weniger, einen strafferen Bauch oder eine schmalere Nase wünschen. Ganz sicher gibt es körperliche Merkmale, die das Wohlbefinden und die Attraktivität negativ beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise sehr schiefe Zähne oder auffallende „Reiterhosen“. Es gibt außerdem körperliche Merkmale, die die Gesundheit objektiv beeinträchtigen;  beispielsweise ein sehr großer Busen, der eine Belastung für die Wirbelsäule sein kann oder die Bewegungsfreiheit im Sport einschränkt. Schlussendlich gibt es Menschen, die – z. B. nach einem Unfall oder nach einer Operation – entstellende Narben operativ wieder korrigieren lassen wollen, weil es ihnen sonst psychisch sehr schlecht geht.

  

Wir sollten Schönheitsoperationen nicht generell verteufeln. Ich verstehe, dass eine 18jährige sich mit 10 Kilo zu viel oder mit schiefen Zähnen lieber unter der Decke verkriecht, als auf der nächsten Party aufzukreuzen. Ich verstehe, dass der 45jährige Manager die Falten korrigieren lässt, weil er in seinem Unternehmen die nächste Karrierestufe erklimmen möchte.

  

Wir sollten uns aber bewusst sein, dass wir mit den ästhetischen Eingriffen einen „Schönheitsmarkt“ bedienen, in dem einige Menschen sehr viel Geld mit unseren Selbstzweifeln verdienen.

  

Vor allem aber sollten wir nicht glauben, dass alle Probleme und Herausforderungen, die das Leben bringt, sich einfach „in Luft auflösen“, wenn wir unsere äußere Hülle „verschönern“. Und – wie überall – gibt es auch hier sehr problematische Entwicklungen, von denen Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl eher abgestoßen sind: Schönheitsoperationen bei Minderjährigen oder Schönheitsoperationen, in denen wir unser Aussehen an irgendwelche Promi-Gesichter anpassen, sind nur zwei Beispiele dafür. Und wir sollten lernen, dass auch ein Körper, der ein bisschen rundlicher ist, oder ein Gesicht, in dem das Leben ein paar Falten hinterlassen hat, schön ist. Vielleicht erst auf den zweiten Blick; dafür aber nachhaltig.

 

 Ich jedenfalls lasse mir – im Unterschied zu Anna – von meinen Eltern zur Matura keine OP, sondern eine Reise schenken. 

 

(Zirka 800 Wörter, Schülerarbeit, korrigiert) 

Arbeitsaufgaben zum Text

A)      Dieser Text ist eine Erörterung. Was kennzeichnet eine Erörterung demzufolge?

B)       Der Text besteht aus drei großen Abschnitten. Welche Abschnitte sind das? Welche Aufgaben erfüllen diese Abschnitte?

C)       Erörterungen sind argumentative Texte. Welche Argumente kommen im Text vor? Wo stehen sie? Wie sind sie aufgebaut? 

D)      Der Text enthält viele Absätze. Welche Funktion erfüllen diese Absätze? Was sind die Themen / Aspekte, in denen es in den jeweiligen einzelnen Absätzen geht?

E)       Wie würdest du den sprachlichen Grundton des Textes bezeichnen? 

 

Arbeitsaufgaben über den Text hinaus (Vorübungen zur Textanalyse)

F)      Suche im Internet nach zwei oder drei Textbeispielen, in denen es um ästhetische Operationen / Schönheitsoperationen / Schönheitschirurgie geht.

  

G)       Lies die Texte durch und charakterisiere die Texte kurz. Beachte dabei folgende Aspekte / Fragen:

  1. Welchen Themenaspekt greift der Text auf?
  2. Wie ist der Text optisch gestaltet?
  3. Ist der Text eher informierend, eher kritisch oder eher werbend?
  4. Ist der Text auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten?
  5. Wie ist der Text inhaltlich aufbereitet?  Gibt es Fallbeispiele? Gibt es Expertenaussagen? Gibt es Daten/Fakten? Gibt es Argumente für oder gegen Eingriffe?
  6. Welche Kernaussagen macht der Text?
  7. Wie würdest du den Text insgesamt persönlich bewerten?