Was ist eine Erörterung?

Definition        


Die Erörterung (Problemarbeit) bezieht sich auf ein meist aktuelles soziales oder politisches oder gesellschaftliches Thema. Sie ist eine schriftliche Diskussion einer zum Thema gehörenden Diskussionsfrage. Diese Diskussionsfrage soll in einer Erörterung aus mehreren Blickwinkeln heraus kritisch-argumentierend reflektiert werden. Das heißt, es geht um eine breiter angelegte, (mehr oder weniger umfassende) Diskussion. Und im Unterschied zum Kommentar muss ich als VerfasserIn nicht unbedingt Position beziehen. Ich kann aber, wenn ich will! 


Ausgangspunkt einer Erörterung ist ein bestimmtes (mehr oder weniger aktuelles) Themenfeld (Bildung, Beruf und Karriere, Stress, Medien und Manipulation, …). Aus dem Themenfeld wird – meist in Form einer oder mehrerer Leitfragen – ein Diskussionsfeld abgeleitet (= Verengung; Spezifizierung durch eine Fragestellung). Von der Diskussionsfrage ausgehend soll im Hauptteil der Erörterung eine möglichst differenzierte und zielorientierte schriftliche Diskussion in argumentativer Form erfolgen.


Wichtig ist, dass es zwei grundlegend unterschiedliche Formen von Diskussionsfragen – und damit auch zwei fundamental unterschiedliche Formen von Erörterungen – gibt:

  • Offene Fragestellungen (W-Fragen) verlangen eine offene Diskussion (Warum …? à fünf verschiedene Ursachen; Welche Folgen …? vier verschiedene Folgen)
  • Antithetische Fragen (Pro/Kontra; Entscheidungsfragen) verlangen eine Diskussion im Hinblick auf Vor-/Nachteile; Ja-/Nein-Perspektiven u.a.m. („Sollte die BRP für die TeilnehmerInnen kostenfrei sein?“)

Wer die Form der Fragestellung ignoriert, riskiert, am Thema vorbeizuschreiben (Themenverfehlung)


Qualitätsmerkmale     


Inhaltliche Qualität

  • klar erkennbarer Bezug zum Themenfeld und zur Fragestellung; jede These ist eine Teilantwort auf die Fragestellung (oder eine der Fragestellungen).
  • klare Strukturierung in Abhängigkeit von der Themenstellung oder von der Fragestellung (offene Struktur ßàPro-Kontra-Struktur)
  • argumentative Grundstruktur (These àargumentative Darlegung und Erläuterung der These) im Hauptteil
  • Vorbereitung der Diskussion (Sachverhalt; explizite Anführung der Diskussionsfrage; Definieren des Ziels der Diskussion) im Einleitungsteil; Schlusspunkt (Resümee, Ausblick, …) im Schlussabschnitt
  • Nachvollziehbare, sinnvoll gewichtete und korrekte Beschreibung von Sachverhalten (Ausgangspunkt für die Diskussion)
  • Logische Korrektheit und Präzision der Argumentation; Differenziertheit der Argumente; Überzeugungskraft der Argumente; Verwendung von logischen Partikeln (Bindewörter, Adverbien, …, die logische Zusammenhänge erkennbar machen); Verwendung von Stilmitteln der Differenzierung (z. B. Modifikation durch Modalverben oder unbestimmte Fürwörter oder Artikel)
  • Rhetorische Elemente („Argumentationstricks“)
  • Rücksichtnahme auf mögliche Einwände und Gegenpositionen
  • Klare Abgrenzbarkeit einzelner Argumente
  • Inhaltliche Kohärenz (Argumente beziehen sich aufeinander) und roter Faden durch die Argumentation (Gesamtkomposition erkennbar)
  • Gedankliche Breite (viele Aspekte; unterschiedliche Perspektiven auf die Thematik berücksichtigen)
  • Gedankliche Tiefe (vor allem zentrale Argumente werden vollständig durchargumentiert; keine logischen Brüche; keine „Leerstellen“ in der Argumentation)
  • Gedankliche Eigenständigkeit und Originalität
  • inhaltliche Konzentration (optimale Dichte zwischen Weitschweifigkeit und zu kurzer Argumentation)
  • eventuell Adressatenbezug (Berücksichtigung der Erwartungshaltung und der Ausgangslage der LeserInnen); das steht aber in der Erörterung im Vergleich zu anderen argumentativen Textsorten, v.a. Brief und Rede, eher im Hintergrund 

 

Sprachliche Qualität

  • "wissenschaftlicher" Grundton
  • sprachliche Genauigkeit und Präzision (Wortschatz!!!!)
  • klare Benennung von handelnden Subjekten (ich / viele Menschen / wir alle); „man“ vermeiden; Abstrakta („die Menschheit“, „die Jugend“, „der Staat“ sind keine handelnden Subjekte)
  • klarer Satzbau: Hauptsachen stehen in Hauptsätzen, Nebensachen in Nebensätzen (A macht x, weil …)
  • klarer Wortschatz; keine Flucht in Abstraktionen und „Allgemeinplätze“; für die meisten Fremdwörter gibt es entsprechende deutsche Vokabeln;
  • klarer, einfacher Satzbau
  • sprachliche „Schönheit“; stilistische Eleganz ist erwünscht, aber weniger wichtige als sprachliche Präzision

Formale Qualität

  • klare und stimmige Gliederung; erkennbare Gesamtkomposition (roter Faden), die auf ein Ziel hin orientiert ist
  • Gewichtige Argumente stehen am Schluss; Gliederung vom Schluss her; Sanduhr-Komposition bei antithetischen Fragestellungen
  • Gliederung mithilfe von Absätzen; jedes Argument steht in einem eigenen Absatz

Aufbau, Struktur     

     

Einleitung = Vorbereitung der Diskussion

  • ev. kreativer Einstieg (Fallbeispiel, kurzer Dialog, Bild, …)
  • Explizieren und Beschreibung des Ausgangspunkts der Diskussion (Themenfeld, Themenaspekte, Leitbegriffe, Diskussionsfrage…)
  • Zieldefinition: Erkläre, was das Ziel der eigenen Arbeit ist

Hauptteil = argumentative Diskussion der Fragestellung(en)

  • Jedes Argument steht in einem eigenen Absatz (sehr umfangreiche Argumente können eventuell nochmals untergliedert werden; besser wäre es aber meistens, zwei Argumente mit zwei eigenständigen Thesen daraus zu entwickeln)
  • Die einzelnen Argumente sind logisch aufeinander bezogen (fortführend / reihend: zunächst à dann à schließlich; gegenüberstellend: auf der einen Seite ßà auf der anderen Seite)
  • Es gibt logische Gliederungsprinzipien; z. B. Ursache à Folge à Maßnahmen; Pro-Aspekte ßàKontra-Aspekte; Gliederung von außen nach innen oder umgekehrt: Ich à engeres persönliches Umfeld à weiteres persönliches Umfeld à Gesellschaft)
  • Generell: die zentralen argumentativen Gesichtspunkte stehen am Schluss eines Abschnitts (oder der gesamten Arbeit)

Schluss: Resümee, Ausblick, Schlusspointe (keine Wiederholung der Diskussion in Kurzform)

 

Achtung: Eventuell kann in der Themenstellung auch die Bezugnahme auf einen zur Themenstellung gehörenden Text (nichtlinearer Text, Sachtext, literarischer Text) gefordert werden. Themenstellung beachten!

 

Erarbeitungsschritte     


I. Planungsphase:  Problemarbeitenplan erstellen


Schritt 1: Genaue Erfassung der Themenstellung (Thema, Leitfragen, Leitbegriffe, …)

Schritt 2: Ideensammlung (Cluster, …)

Schritt 3: Identifizierung und Ordnung von Thesen als Teilantworten auf die Fragestellung(en) (=Reduktionsschritt!) à Jede These ist Teilantwort auf die Diskussionsfrage; das ist auch für einen Leser erkennbar und nachvollziehbar

Schritt 4: Ordnung der Thesen nach einem nachvollziehbaren Gliederungskriterium

 Schritt 5: Überlegung von Einleitung und Schluss


II. Reinschrift


Schritt 6: Umsetzung des Problemarbeitenplans; Ausbau der Thesen zu vollständigen Argumenten


III. Überarbeitung


Optimierung der Arbeit in inhaltlicher, sprachlicher und formaler Hinsicht (Achtung: formale Änderungen im Nachhinein führen in den meisten Fällen zu inhaltlichen Bruchstellen; auch am PC!)

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