Textsorte Interpretation (literarischer Text)

Einleitung

In ihrer Kurzgeschichte “Fenstertheater” beschreibt Ilse Aichinger eine Alltags-Szene in einer größeren Stadt.


Beschreibung der Handlung (Fabel)

Eine Frau steht am Fenster ihrer Wohnung und beobachtet das seltsame Verhalten eines Mannes im gegenüberliegenden Wohnhaus. Sie ruft die Polizei und folgt den Polizisten in die Wohnung des Mannes. Dort erkennt sie, dass der Mann nur mit einem Kind „Fenstertheater“ gespielt hat. (45 Wörter)


Analyse: zentrale Textmerk-male

Die Geschichte spielt in einer größeren Stadt in einer „typischen Wohnsiedlung“. In der Nähe gibt es eine stark frequentierte Straße, der Lärm dringt bis in die Wohnung der Protagonistin. Offensichtlich herrscht einerseits soziale Enge (Man kann den Nachbarn quasi ins Wohnzimmer blicken). Auf der anderen Seite leben die Menschen sozial isoliert und ohne Kontakt zueinander: Die Protagonistin weiß nichts über den Mann im Nachbarhaus. Sie weiß nicht, dass in ihrem Wohnhaus vor kurzem eine Familie mit einem Kind eingezogen ist.


Der Handlungszeitraum ist nicht näher definiert. Wir wissen nur: Es ist später Nachmittag, früher Abend. Denn zwischen Beginn und Ende der Handlung ist es langsam dunkel geworden. Die Handlungsdauer selbst dürfte etwa eine halbe Stunde betragen.


Die personale Erzählhaltung zeigt die Handlung aus der Perspektive der Protagonistin. Wir erfahren nur, was sie wahrnimmt und denkt. Dadurch müssen wir als LeserInnen ihren (im wahrsten Sinn des Wortes) „beschränkten“ Blickwinkel und ihre Denk-Fehler („Die Wohnung über ihr stand leer“) quasi mitübernehmen. Und so erfahren auch wir erst am Ende der Geschichte, dass der Mann, von dem die Protagonistin sich anscheinend bedroht oder belästigt fühlt, ganz harmlos mit einem kleinen Kind spielt.


In der Geschichte gibt es drei Figuren: die Protagonistin, den gehörlosen Mann und das Kind. Alle drei Figuren stehen am Fenster. Und alle drei Figuren sind offensichtlich einsam. Die jeweiligen Gründe dafür erfahren wir nicht. Wir können aber erkennen, dass die Personen sehr unterschiedlich mit ihrer Einsamkeit umgehen.


Anstatt zu handeln und selbst etwas zu unternehmen, „verschanzt“ sich die Protagonistin hinter ihrem Fenster und beobachtet ihre soziale Umgebung, ohne mit den anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ihr Verhalten hat etwas Voyeuristisches: Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind“. Und ihre Wahrnehmung ist offensichtlich eingeschränkt und verzerrt: Obwohl sie den ganzen Tag zuhause zu sein scheint und beobachtet, was in ihrer Straße passiert, hat sie nicht einmal bemerkt, dass in der Wohnung über ihr eine Familie eingezogen ist. Sie nimmt auch keinen Kontakt mit dem Mann im Haus gegenüber auf, dessen Verhalten sie nicht versteht. Anstatt ihn anzusprechen, ruft sie – ob aus Sensationslust, aus Autoritätsgläubigkeit oder aus anderen Gründen - die Polizei.


Der Mann nimmt – obwohl er eine Behinderung hat - auf eine sehr originelle und offene Art Kontakt mit seiner Umgebung – in seinem Fall mit einem kleinen Kind, das ebenfalls einsam zu sein scheint – auf. Er legt im Gegensatz zur Frau eine offene, andere Menschen wahrnehmende Neugierde an den Tag. Er geht mit seiner Situation kreativ um. Er strahlt – im Unterschied zur Protagonistin – Lebensfreude und Offenheit aus.


Zentrales Symbol in der Geschichte ist das Fenster. Das wird schon durch den Titel „Fenstertheater“ deutlich. Alle drei Figuren stehen am Fenster. Zwei der Fenster (nämlich das des Mannes und das Fenster, an dem das Kind steht) sind beleuchtet. Ein beleuchtetes Fenster lässt einen Blick ins Innere zu. Es wirkt freundlich. Das Fenster der Frau ist und bleibt „ein dunkles Loch“. Das spiegelt wohl auch ihre Persönlichkeit und ihr Empfinden. Ein Fenster ist außerdem die Grenze zwischen dem inneren privaten Lebensraum und dem äußeren öffentlichen Raum. Es ist – im Unterschied zur Tür – kein Durchgang. Aber es bietet einen Blick von innen nach außen. Auffallend ist, dass alle drei Figuren am Fenster stehen und hinausblicken. Während die Protagonistin sich aber hinter ihrem Fenster versteckt und selbst nicht gesehen werden will, benutzt der Mann den Blick aus dem Fenster, um mit einem anderen Menschen – in dem Fall: dem Kind – in Kontakt zu kommen. Er beginnt mit ihm pantomimisch zu kommunizieren. Das Fenster wird so zur Bühne. Der Mann ist nicht mehr nur passiv. Es findet Begegnung statt.


Fenstertheater“ ist eine typische Kurzgeschichte. Wir werden mit einer auf den ersten Blick völlig banalen Alltagssituation konfrontiert, wie sie in jeder größeren Stadt wahrscheinlich jeden Tag x-mal vorkommt: Jemand ruft wegen einer Lappalie die Polizei. Die Figuren sind typisierte Alltagsfiguren, reduziert auf die Attribute, die für die Geschichte selbst wesentlich sind. Und nur dem aufmerksamen Leser eröffnen sich auf den zweiten Blick weiterführende Fragen und tiefergründige Themen. (580 Wörter)


Interpretation

Mir gefällt, dass ich als LeserIn durch den letzten Abschnitt in der Geschichte einen völlig neuen Blick auf die Handlung und die Protagonistin bekomme. Erst in dem Moment, in dem deutlich wird, dass „die ganze Aktion“ auf einem völlig banalen Missverständnis basiert, wird deutlich, wie kleinkariert, vorurteilsbehaftet, eingeengt die Protagonistin denkt und handelt. Warum sucht sie nicht selbst nach möglichen Antworten auf das zunächst unverständliche Verhalten des Mannes? Warum schaut sie sich nicht um, um herauszufinden, welche Bedeutung sein Verhalten eventuell haben könnte? Warum macht sie keinen Versuch, ihn zu fragen? Und wie oft verhalten wir uns selbst ähnlich wie die Protagonistin in der Geschichte: Wir machen uns sehr schnell ein Urteil über das Verhalten anderer Personen, auch wenn wir praktisch nichts über sie wissen. Der übergewichtige Mann ist undiszipliniert und willensschwach, die arbeitslose Frau ist zu faul, das Kind ist ungezogen, wenn es jammert. Vielleicht sollten wir mit vorschnellen Urteilen dieser Art in Zukunft etwas vorsichtiger sein. 


In der heutigen Zeit ist – gerade im städtischen Raum – Einsamkeit ein großes Problem. Viele Menschen vereinsamen in ihren Wohnungen, obwohl sie mit ihren Nachbarn Tür an Tür leben. Sie wissen nichts über die Menschen, die ihre nächsten Nachbarn sind. Die Kurzgeschichte „Fenstertheater“ zeigt aber auch, dass Einsamkeit nicht nur Schicksal ist. Jeder Einzelne hat auch ein Stück Selbstverantwortung, wenn es darum geht, auf andere Menschen zuzugehen. Der gehörlose Mann schafft das trotz seiner Behinderung. Die Protagonistin scheitert. (235 Wörter)


Schluss

Und wer wohnt eigentlich in der Wohnung über mir?