Der Leserbrief als Textsorte

Textbeispiele Leserbrief

Beispieltext 1: fiktiver Leserbrief; Grundlage: Spielfilm "Mephisto"

Dr. Max Mustermann

Praterstraße 20

1020 Wien

 

Wien, am 23. 3. 1951

 

Leserbrief zum Kommentar „NS-Intendant im Volkstheater?“ von Kurt Mahler im „Kurier“ vom 21. 3. 1951

 

Sehr geehrter Herr Mahler!

 

 

In Ihrem Kommentar „NS-Intendant im Volkstheater?“ äußern Sie sich in unqualifizierter Weise über den zukünftigen Theaterintendanten Hendrik Höfgen. Sie werfen ihm seine Karriere im Dritten Reich vor. Herr Höfgen war aber niemals aktives Mitglied der NSDAP. Und er hat in einer sehr schweren Zeit Großes für die Schauspielkunst geleistet.  

 

Sie werfen Herrn Höfgen ein Naheverhältnis zum NS-Ministerpräsidenten vor und versuchen, aus ihm einen NS-Ideologen zu machen. Es gibt aber keinen Beweis dafür, dass Herr Höfgen aktiv die NS-Weltanschauung propagiert hätte. Vielmehr hat er versucht, anspruchsvolles Theater in einer politisch sehr schwierigen Zeit zu realisieren. Seine Inszenierungen von „Faust“ und „Hamlet“ haben international für Aufsehen gesorgt.

 

Darüber hinaus hat sich Höfgen auf vielfältige Weise für Menschen eingesetzt, die im Nationalsozialismus politisch verfolgt wurden. Höfgen hat den früheren jüdischen Theaterdirektor Egon Huber jahrelang geschützt, einer aus „rassischen Gründen“ verfolgten Tänzerin zur Ausreise nach Paris verholfen und sich mehrfach persönlich für den linken Schauspieler Otto Ulrichs eingesetzt. Das zu ignorieren, ist unfair!

 

 

Höfgen wird Theater auf internationalem Niveau nach Wien bringen. Wir dürfen diese Chance nicht mit dem Herumreiten auf vergangenen Zeiten zerstören! Heißen Sie Höfgen in Wien lieber herzlich willkommen!

 

mit freundlichen Grüßen

Dr. Max Mustermann

 

(Umfang: 200 Wörter; Schülertext; fiktiver Leserbrief; Grundlage: „Mephisto“ (Spielfilm)

Definition Leserbrief

 

Ein Leserbrief ist ein Brief an das Redaktionsteam eines Printmediums (Zeitung / Zeitschrift) oder an einen konkreten Redakteur / eine konkrete Redakteurin. Er bezieht sich entweder auf einen aktuellen Sachverhalt oder (häufiger) ist er eine Reaktion auf einen Artikel in der entsprechenden Zeitung oder Zeitschrift. Dabei geht es darum, die eigene Position zum Thema, das im Artikel behandelt wird, zum Ausdruck zu bringen, die Position des Verfassers zu ergänzen (also andere Gesichtspunkte einzubringen), der Position des Verfassers zuzustimmen oder dieser Position argumentativ zu widersprechen.

 

 

Ein Leserbrief ist für die Veröffentlichung in der Zeitung (Zeitschrift) gedacht. Ob ein Leserbrief (ganz oder in Teilen) veröffentlicht wird, entscheidet die Redaktion.

 

 

Printmedien betrachten Leserbriefe / die Leserbriefseiten als wichtigen Teilbereich, der zur öffentlichen Meinungsbildung beiträgt. Leserbriefe sind auch wichtige Rückmeldungen an die Redaktion, weil sie „Stimmungen“ in der Bevölkerung sichtbar machen. (Heute sind in dieser Hinsicht aber vermutlich die kürzeren und spontaneren Forums-Beiträge in den online-Redaktionen wichtiger)

(Qualitäts)merkmale Leserbrief

Inhaltliche Qualitätsmerkmale

  • konkrete Benennung des Anlassfalls / der Motivation für den Leserbriefes (Worauf bezieht sich der Leserbrief? Was veranlasst den Verfasser / die Verfasserin, den Leserbrief zu schreiben? Was will er / sie mit dem Brief erreichen / bezwecken?). Referenz herstellen
  • inhaltliche Konzentration auf einen Kernaspekt; argumentative Darlegung der eigenen Position in einem bis maximal zwei Argumenten (für mehr ist nicht Platz);
  • möglichst maximale inhaltliche Konzentration; ein kurzes, anschauliches Beispiel; ein konkreter Beleg für eine Aussage (für mehr ist nicht Platz)
  • zielorientierte Darlegung
  • das Anliegen / die eigene Position sollte am Anfang (Einleitung, Beginn des argumentativen Hauptteils) angeführt werden, weil Leserbriefe in der Praxis oft in der Redaktion gekürzt werden; sie werden sonst oft nur sinnentstellt oder sinnentleert publiziert
  • Adressatenbezug und dialogische Struktur ist sinnvoll

Sprachliche Qualitätsmerkmale

 

  • Sachsprachlicher Grundton; Zuspitzungen sind ok; die Regeln des kommunikativen Anstands (Respekt, keine Angriffe auf die Person oder gar Beleidigungen; keine Untergriffe) müssen aber gewahrt bleiben
  • Möglichst klar und präzise
  • Möglichst einfach (Hauptsätze; allgemein verständlicher Wortschatz;

 

Stilistische Qualitätsmerkmale

  • hohe Verdichtung; keine Redundanz, keine Weitschweifigkeit

Erarbeitungsschritte

Vorbereitung:

Schritt 1: Klärung des Sachverhalts; Klärung des Verantwortungsbereichs des Adressaten / der Adressatin (Verhalten, Kompetenzen, …); genaue Lektüre des Textes, auf den ich mich im Leserbrief beziehe (Nichts ist peinlicher, als wenn ich in meinem Leserbrief offenbare, dass ich den Text, zu dem ich Stellung nehme, gar nicht verstanden habe!)

Schritt 2: Klärung des eigenen Anliegens und der Zielsetzung (Was will ich erreichen? Was ärgert mich am Artikel? Was erwarte ich vom Redakteur oder vom Redaktionsteam?)

Schritt 3: Entwicklung von Argumentationsstrategien (Im Unterschied zum offenen Brief geht es hier aber meist nicht darum, jemanden zum Handeln zu bringen. Es geht vor allem darum, den LeserInnen die eigene Position / Perspektive näher zu bringen. Der appellative Charakter ist deshalb meist eher im Hintergrund)

Schritt 4: Entwicklung eines Konzepts (Struktur, Gliederung, zentrale Aspekte)

 

Verschriftlichung

Schritt 5: Verschriftlichung / Reinschrift

 

Nachbereitung / Überarbeitung

Schritt 5: Überarbeitung / Optimierung

 

 

 

Aufbau und Struktur Leserbrief

Aufbau, Struktur          

Einleitung:

  • Formale Merkmale des Briefs berücksichtigen (Anrede)
  • Anlassfall / Bezugspunkt und Anliegen benennen; eigene Positionierung anführen

Hauptteil:

  • Konzentrierte argumentative Darlegung der eigenen Position; zirka zwei konzentrierte Schlüsselargumente

Schluss:

  • Aufforderung, Appell, Wunsch an den Adressaten / Adressatin

Schluss-Formel

  • mit freundlichen Grüßen; Name/Unterschrift

 

Umfang           

  • Der vorgegebene Umfang muss (vor allem nach oben) eingehalten werden 
  • insgesamt sind Leserbrief eher kurze Texte (Matura: 300 Wörter) 

 

Ähnliche Textsorten: Forumsbeitrag (online), Blog, Statement, ….