Offener Brief als Textsorte

Beispieltext offener Brief

Dr. Herbert Liebermann

Vorsitzender der „Aktion kritischer Schauspieler“

Babenbergerstraße 10, 1020 Wien

 

 

 

 

 

Offener Brief an den Wiener Kulturstadtrat Dr. Kurt Gruber

 

Wien, 24. 3. 1951

Sehr geehrter Herr Dr. Kurt Gruber!

 

Die Stadt Wien beabsichtigt, Hendrik Höfgen mit der Intendantur am Wiener Volkstheater zu beauftragen. Die „Aktion kritischer Schauspieler“ protestiert in aller Schärfe gegen dieses Ansinnen. Herr Höfgen verdankt seine Karriere als Regisseur und als Intendant am Berliner Staatstheater ab 1934 in erster Linie seinem Naheverhältnis zum NS-Ministerpräsidenten G. Er hat sich als Theaterintendant von 1933 bis 1945 immer wieder aktiv in den Dienst des NS-Regimes gestellt. Als Intendant für das Wiener Volkstheater ist er untragbar. Wir fordern Sie als zuständigen Kulturstadtrat auf: Verhindern Sie diese Bestellung ein!

 

 

Kunst hat immer auch eine politische Aufgabe. Unpolitische Kunst gibt es nicht. Gerade Herr Höfgen selbst müsste das wissen. Denn in den 20er-Jahren hat er sich als Schauspieler in Hamburg selbst zum politischen Theater in der Tradition Brechts bekannt und sich in seinen Stücken an die „einfachen Arbeiter“ gewandt.

 

 

Im Nationalsozialismus ist jede Form von Kunst, auch das Theater, in den Dienst der NS-Ideologie gestellt worden. NS-Funktionäre haben Kunst als Propagandainstrument für ihr Weltbild benutzt. Künstler, die dem NS-Regime kritisch gegenüberstanden, mussten emigrieren. Viele bekamen Berufsverbot. Viele von ihnen wurden politisch verfolgt, teilweise sogar getötet. Herr Höfgen hat in dieser Zeit nicht nur Karriere gemacht. Er verdankt seine Karriere am Berliner Staatstheater geradezu der Tatsache, dass Theaterintendant Müller kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten aus so genannten „rassischen Gründen“ seine Anstellung verlor und Deutschland verlassen musste.

 

 

Höfgen macht ab 1935 keinesfalls „unpolitische Kunst“, wie seine Verteidiger behaupten. Er propagiert bei offiziellen Anlässen an der Seite des Ministerpräsidenten in Reden die „deutsche Kunst“. Er entlässt KollegInnen, die ns-kritisch sind. Er schaut weg und schweigt, wenn Kollegen am Theater verhaftet werden oder „verschwinden“, wie der Schauspieler Hans Miklas.

 

 

Höfgen hat in der Zeit ab 1935 in seinen Theaterinszenierungen Stücke wie „Faust“ oder „Hamlet“ so umgedeutet (eigentlich: verunstaltet), dass sie zu NS-Propaganda-Instrumenten werden. Aus Shakepeares Hamlet, einer wahnhaften und psychisch hoch problematischen Figur, macht er den „Idealtypus“ der nordisch-germanischen Helden. Mephisto verzerrt er zur Grundfigur des „deutschen Charakters“. Dass hinter diesen Inszenierungs-Ideen keine politische Absicht gesteckt haben soll, glaubt wahrscheinlich nicht einmal Höfgen selbst. Höfgens frühere Frau Barbara Bruckner, die selbst ins Exil gegangen ist, weist Höfgen mehrfach auf seine problematische Nähe zu NS-Machthabern hin. Sie fordert Höfgen auf, seine gesellschaftliche Stellung zu nutzen und politisch Stellung zu beziehen. Höfgen weist alle diese Aufforderungen mit Nachdruck zurück. Herr Höfgen verweigert sich bis heute jeder Form der selbstkritischen Auseinandersetzung mit seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Er zieht sich auf die unhaltbare Position zurück, er sei „nur Schauspieler“ gewesen und habe „nur Theater gemacht“.

 

Ein demokratisches Österreich braucht ein Theater, das sich als gesellschaftskritische Institution versteht und das sich mit aktuellen politischen Themen kritisch auseinandersetzt. Ein demokratisches Theater braucht Regisseure und Intendanten, die Charakter haben und die sich ihrer politischen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Herr Höfgen ist aber vor allem ein egoistischer Karrierist, dem es nur um sich selbst und um seinen eigenen beruflichen Aufstieg geht.

 

 

Herr Höfgen wäre als Intendant des Wiener Volkstheaters untragbar. Herr Gruber, Sie haben als zuständiger Kulturstadtrat die Möglichkeit, Ihr Veto gegen eine Bestellung einzulegen. Handeln Sie!

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Herbert Liebermann. Vorsitzender der „Aktion kritischer Schauspieler“

(und 25 weitere Unterschriften)

 

(ca 500 Wörter; korrigierte Schülerarbeit; fiktiver Offener Brief im Anschluss an den Spielfilm „Mephisto“ (Szabo)

Merkmale der Textsorte Offener Brief. Definition

Grundsätzlich ist ein Brief ein dialogischer Text, der sich an einen konkreten Adressaten / an eine konkrete Adressatin wendet. Er weist formalisierte Merkmale (Anrede, Schlussformel) auf und hat normalerweise eine dialogische Struktur (Anreden, rhetorische Fragen)

 

Ein offener Brief hat die Form eines Briefes und richtet sich an eine konkrete Person, die als VerantwortungsträgerIn in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit steht (PolitikerIn, DirektorIn, …). Der Brief wird der Adressatin aber nicht nur direkt zugestellt, sondern gleichzeitig auch über die Medien (z. B. Zeitung) einem großen Publikum zugänglich gemacht. (Meistens soll damit ein gewisser Druck ausgeübt und der Adressat / die Adressatin zu einer Reaktion gezwungen werden).

 

In einem offenen Brief geht es im Normalfall um ein aktuelles Thema oder Problemfeld. Er beschreibt den Erfahrungshintergrund des Verfassers und legt seine Position argumentativ dar; im Normalfall endet er mit einem konkreten Appell. 

 

Qualitätsmerkmale Offener Brief

Inhaltliche Qualitätsmerkmale

  • erkennbarer Adressatenbezug
  • klare Zieldefinition (Was motiviert mich zum Schreiben des Briefes? Was will ich mit dem Brief erreichen? Was erwarte ich vom Adressaten / von der Adressatin?)
  • konzentrierte, nachvollziehbare und korrekte Beschreibung des Sachverhalts, der Anlassfall für den Brief ist; konkrete Belege für allgemeine Behauptungen
  • argumentative Darlegung der eigenen Position und der eigenen Erwartungshaltung (wenige Argumente; nur wesentliche Argumente anführen)
  • konkrete Handlungsaufforderung
  • keine Redundanzen und Weitschweifigkeiten; zielorientierte Darlegung; keine Grundsatzdiskussionen; Konzentration auf Kernanliegen und Kernaussagen

Sprachliche Merkmale

  • höflicher aber inhaltlich klarer Grundton
  • sprachliche Genauigkeit ist wichtiger als sprachliche Schönheit; Schönheit schadet aber nicht
  • Verwendung veranschaulichender Stilmittel in Maßen (Bilder, Vergleiche, Beispiele, …)
  • Verwendung dialogischer Stilmittel (Fragen, Anreden, …)

Formale Merkmale

  • formale Grundmerkmale des Briefes (Anrede, Schlussformel, dialogische Struktur)
  • erkennbares Kompositionsprinzip; roter Faden

 

Aufbau, Struktur

Einleitung:

  • Eröffnungsformel (Ort / Datum; Sehr geehrte Frau …)
  • Anlass und Motivation für den Brief, eigener Hintergrund / eigenes Anliegen; eigene Zielsetzung

Hauptteil:

  • Beschreibende und argumentative Darlegung des eigenen Anliegens; Konzentration auf das Wesentliche; zwei bis maximal drei Kernargumente; wenn möglich: konkrete Bezugnahme auf Aussagen oder Handlungs des Adressaten / der Adressatin („Im Interview in der ZIB am 7. 8. 2012 behaupten Sie, …. Diese Aussage ist falsch. Denn …“)

Schluss:

  • Aufforderung, Appell, Wunsch an den Adressaten / Adressatin
  • Schluss-Formel

Erarbeitungsschritte

Vorbereitung:

Schritt 1: Klärung des Sachverhalts; Klärung des Verantwortungsbereichs des Adressaten / der Adressatin (Verhalten, Kompetenzen, …)

Schritt 2: Klärung des eigenen Anliegens und der Zielsetzung (Was will ich erreichen?)

Schritt 3: Entwicklung von Argumentationsstrategien (Wie erreiche ich mein Ziel? Wie überzeuge ich den Adressaten / die Adressatin? Wie überzeuge / gewinne ich die anderen LeserInnen von meiner Position?) (zentrale Thesen; affirmativer = bestärkender Charakter ist wichtig); Definition zentraler Thesen, die das eigene Anliegen argumentativ untermauern

Schritt 3: Entwicklung eines Konzepts (Struktur, Gliederung, zentrale Aspekte)

 

Verschriftlichung

Schritt 4: Verschriftlichung / Reinschrift

 

Nachbereitung

 

Schritt 5: Überarbeitung / Optimierung