Die Erzählstruktur

Die Rahmenhandlung

Löwentor in Mykene
Löwentor in Mykene

Nach der Zerstörung Trojas durch die Griechen wird die Priesterin und Seherin Kassandra, Tochter des trojanischen Königs Priamos, von Agamemnon als Kriegsbeute nach Mykene gebracht. Sie weiß, dass sie in wenigen Stunden von Agamemnons Frau Klytaimnestra getötet werden wird. Gegen ihre Angst ankämpfend, erinnert sie sich an ihre Geschichte und an die Geschichte um den Kampf um die Stadt Troja.

 

Die Rahmenhandlung umfasst nur die ersten Zeilen des Textes („Hier war es. Da stand sie. Die steinernen Löwen, jetzt kopflos“ haben sie angeblickt. ...“). Die Rahmenhandlung wird  im letzten Absatz geschlossen, indem die Eingangszeilen leicht variiert wiederholt werden („Hier ist es. Diese steinernen Löwen haben sie angeblickt. Im Wechsel des Lichts scheinen sie sich zu rühren“). Die Erzählung ist in der Erzähler-Gegenwart angelangt und damit ist der Kreis gleichsam geschlossen. 

 

Die Rahmenhandlung wird von einer nicht näher definierten außenstehenden Erzähler-Figur gestaltet. 

 

Aus Christa Wolfs Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte ihrer Erzählung wissen wir, dass sie selbst bei einem Besuch der Ruinen von Mykene dieses Bild von den kopflosen steinernen Löwen betrachtet hat. Dadurch hat sie wesentliche Impulse für ihre Kassandra-Erzählung gewonnen. 

 

Die Binnenhandlung

Die "eigentliche" Erzählerin ist die Seherin Kassandra. Damit ist die Perspektive auf die Geschichte über den Trojanischen Krieg und über die Niederlage Trojas mehrfach perspektiviert. 

 

Die Geschichte wird erzählt aus der subjektiven Perspektive ...

  • ... einer betroffenen Frau, die einen totalen sozialen Abstieg erlebt hat: von der stolzen Königstochter und angesehenen Seherin und Priesterin zur rechtlosen Sklavin und Kriegstrophäe Agamemnons. Sie hat ihre soziale Identität verloren und ringt mit ihrem Erinnerungsmonolog um ihre innere Identität. Und sie versucht, durch das Erzählen für sich selbst ein wenigstens halbwegs stimmiges und ehrliches Bild über sich und ihre Rolle im Krieg zu gewinnen. Mehr kann sie ihrem Leben in den letzten Stunden nicht mehr abringen. 
  • ... einer Frau, die erlebt hat, wie der Krieg eine Gesellschaft korrumpiert, eine Kultur zerstört und fundamentale moralische Werte außer Kraft setzt. Die Logik des Kriegs zerstört die den Kern der Zivilisation. Dabei ist es unmöglich, sich zwischen "Gut" und "Böse" zu unterscheiden. Auf beiden Seiten setzt sich das "Böse" durch. Den "moralisch sauberen" Krieg gibt es nicht.  Das ist die bittere (weibliche) Erkenntnis, mit der Kassandra sich konfrontieren muss. 
  • ... einer Frau, die erkennen muss, dass die Wahrheit das erste ist, was der Kriegslogik geopfert wird. Der Krieg braucht Helden. Helden sind diejenigen (Männer), die sich zu Helden stilisieren lassen, auch wenn sie Feiglinge und dumpfe Schläger sind. Auch das ist ein Teil der Umwertung, die die Kriegslogik verlangt. 
  • ... einer Frau, die weiß, dass sie selbst mitschuldig geworden ist, auch wenn sie bei der Kriegseuphorie nicht mitgemacht hat; auch wenn sie niemanden direkt getötet hat. Der Krieg hat auch ihre keine Wahl, sich für das moralisch Richtige zu entscheiden, gelassen. 
  • ... einer Frau, die versucht, mit ihrer Erzählung sich selbst (wieder) zu finden. Das ist alles, was sie vom Leben noch erhoffen kann. 

Die Erzählsituation macht es logisch, dass Kassandras Erinnerungsmonolog keine chronologisch geordene, sorgfältig durchkomponierte und auf einen Leser ausgerichtete Geschichte sein kann. Kassandra assoziiert vor sich hin. Sie umkreist mehrfach - von ihrer Gegenwart ausgehend - die zentralen Fragen und Themen, mit denen sie in den 10 Jahren des Krieges konfrontiert worden ist. Sie beginnt in ihrer Gegenwart, greift Erinnerungsfetzen auf und folgt assoziativ den Spuren in die Vergangenheit, die sich daran knüpfen. Dabei wird deutlich, dass es einige Themen gibt, die Kassandra nicht angreifen will. Mehrfach bricht sie ab, bevor sie die entscheidende Tür in für sie besonders dunkle Erfahrungsräume öffnet. Diese haben, wie bald klar wird, mit ihrem Vater Priamos und ihrer Schwester Polyxena zu tun. 

 

Als Leser können wir Kassandra auf ihrer Suche nach sich selbst begleiten. 

Die Erzählschichten

Gegnwart der Erzählerin

Kassandra ist als Kriegsbeute Agamemnons in Mykene gelandet. Sie steht unter dem Löwentor, das in das Innere der Königsburg führt. Wenn sie durch das Tor geht, geht sie in den Tod. Das weiß Kassandra als Seherin. Sie zögert diesen Schritt hinaus und bleibt stehen. Mit Hilfe ihres Verstandes und mit ihrem Erinnerungsvermögen versucht sie gegen ihre Angst vor dem Tod anzukämpfen. 

Erste Vergangenheitsschicht: Die Überfahrt auf dem Schiff

Nach der Niederlage der Trojaner wird Kassandra als Kriegsbeute auf dem Schiff Agamemnons nach Mykene verschleppt. Der Held Agamemnon wird während eines schweren Sturms seekrank und macht eine ziemlich jämmerlich-unmännliche Figur. Dem großen Helden ist kotzübel. Kassandras Versuch, ihre Kinder zu töten, weil sie ihnen deren Schicksal als Skalven ersparen möchte, scheitert. Auf dem Weg zur Burg wird kann sie sich den voyeuristischen Blicken nicht entziehen. Die Leute tuscheln. Ein Gespräch mit dem Wagenführer ist möglich. 

Zweite Vergangenheitsschicht: Der Krieg

Kassandra erlebt als Zeugin und als Mit-Beteiligte die zehn Jahre Krieg zwischen den Griechen und Troja. Sie registriert eine Gewaltspirale, die sich im Verlauf des Krieges immer schneller dreht und deren schleichender Anfang nur vage zu identifzieren ist. Auf beiden Seiten werden Tabus verletzt, die ersten Opfer sind die Schwachen und die Frauen. In Troja werden bewährte Traditionen aufgegeben. Die Frauen verlieren ihre Mitsprachemöglichkeiten und sie werden an den Rand gedrängt. Menschen - Männer als Kämpfer, und Frauen als Kriegspfand und Kriegsbeute - werden zum Zweck des Krieges instrumentalisiert. Die Kriegslogik, die der Aufsteiger Eumelos repräsentiert, zerstört die Zivilisation. Dem äußeren Tod in Form der militärischen Niederlage geht der innere Tod Trojas in von menschlicher Verrohung voraus. 

Dritte Vergangenheitsschicht: Die Militarisierung Trojas. Der Vorkrieg

Wann der Krieg beginnt, weiß man. Doch wann beginnt der Vorkrieg?

 

Vor dem Krieg findet der Vorkrieg statt. Das ist die Phase, in der bestimmte Figuren aus einer egoistischen Logik heraus den Konflikt zwischen Griechen und Trojanern schüren. Die Trojaner, vor allem Paris, verletzen das Gastrecht, auf das die Griechen in Troja Anspruch haben. Die schöne Helena, das Phantom, das eigentlich gar nicht existiert, wird zum Vorwand und zur Rechtfertigung für den Krieg. Subjektive (männliche) Eitelkeiten schüren politische Konflikte und verhindern eine diplomatische nicht-militärische Lösung. 

Vierte Vergangenheitsebene: Vorgeschichte des Vorkriegs. Im Sinn der Militarisierung umgedeutet.

Ideologisierung beginnt mit Sprachverfälschung im Dienste der Geschichtsfälschung. Die Geschichte wird umgeschrieben. Dabei geht es vor allem um die Umdeutung der drei Schiffe: 

 

Das ERSTE SCHIFF (S38). Die Griechen wollen mit den Trojanern Verhandlungen über den Zugang zum Hellespont verhandeln. Die Verhandlungen scheitern. Panthoos kommt als Apoll-Priester freiwillig nach Troja. Erzählt wird, Panthoos sei als "Beute" nach Troja gebracht worden. 

 

Das ZWEITE SCHIFF(39, 42f) soll Hesione, die Königsschwester, nach Troja zurückbringen; die Priester Kalchas bleibt bei den Griechen. Erzählt wird, Hesione und Kalchas seien Gefangene der Griechen; dadurch sollen der Hass auf die Griechen geschürt und die Griechen zum Feindbild stilisiert werden.  

 

Das DRITTE SCHIFF: Paris will Hesione – oder als Ersatz für sie die schöne Helena – nach Troja bringen; er erscheint verspätet mit einer verschleierten Frau, die angeblich Helena sein soll. Verschwiegen wird, dass Helena  sich gar nicht in Troja befindet; sie wird benutzt, um einen offiziellen Kriegsgrund anführen zu können

 

Fünfte Vergangenheitsschicht: Die Biographie Kassandras

Kassandra reflektiert ihre eigene Entwicklung vom naiven Mädchen zur lebenserfahrenen, desillusionierten und gescheiterten Frau. Auf diesem Weg integriert sie auch tiefere Bewusstseinsschichten, die ihr erst im Lauf des Erzählens bruchstückartig bewusst werden: fremdartige Träume und Wahnanfälle, von denen mit der Zeit klar wird, dass sie Kassandra (und anderen) als verrückt erscheinen, in Wirklichkeit aber tiefere Erkenntnisse enthalten, von denen Kassandra lange Zeit nichts wissen will, weil sie ihr Selbstbild und ihr Bild ihrer Familie (v.a. des Vaters) und der Stadt Troja in Frage stellen müsste, wenn sie auf sie hören würde. Schrittweise nähert sich Kassandra auch an ihre eigenen biographischen Traumata (Schuld am grauslichen Tod ihrer Schwester Polyxena, ihre Gefangenschaft im Korb) an. Schrittweise distanziert sich Kassandra von der Welt ihres Vaters und des Palastes, mit dem sie sich lange Zeit identifiziert hat. Schrittweise distanziert sie sich von der Welt des Tempels, die lange Zeit ihr Lebensmittelpunkt und ihr Lebensinhalt gewesen ist. Schrittweise integrieren sich Einzelbilder und Einzelerfahrungen zu einem Ganzen mit einer absurden und brutalen Logik. Am Ende der Erzählung ist die Desillusionierung absolut. Kassandra hat sich zu absoluter Ehrlichkeit gezwungen. Sie ist bei sich selbst angelangt. Das ist alles, was sie noch hat, als sie im Begriff ist, durch das Tor und in den Tod zu gehen. 

 

6. Vergangenheitsschicht: Das Königshaus und die Stadt Troja

Die Stadt Troja ist vor dem Krieg eine zivilisierte, wohlhabende, moderne und traditionsbewusste Stadt. Das ist die eine Seite. 

 

Es gibt aber eine verdrängte Schattenseite im Königshaus; es gibt ein Tabu, das nicht angerührt werden darf. Das ist die Geschichte um Paris, der vom Vater ausgesetzt worden ist. Um ihn ranken sich Mythen und Gerüchte. Eines der Gerüchte besagt, Paris habe im Streit der Göttinnen Athene, Hera und Aphrodite letztere zur schönsten der drei Göttinnen erklärt; Aphrodite habe ihm dafür die schönste Frau Griechenlands, Helena, versprochen. Paris selbst streut -in einer Art Geltungsstreben aus einem Minderwertigkeitesgefühl heraus - nach seiner Wiederaufnahme im Palast diese Gerücht. (Für die Psychoanalyse wäre er wohl ein klassischer Überkompensierer) 

 

Zur Vorgeschichte gehört auch die Verbindung der Königin Hekabe zu den Frauen am Berg Ida (Matriarchatstheorie)


 

7. Vergangenheitsschicht: Die Mythen

Die Griechen und die Trojaner stilisieren ihre zentralen Figuren zu Helden, indem sie sie mit Göttern in Verbindung bringen und ihnen eine göttliche Herkunft nachsagen. 

 

Dem griechischen Kämpfer Achill (für Kassandra: "das Vieh") wird nachgesagt, er sei der Sohn der Göttin Thetis. Auch Paris wird eine göttliche Herkunft angedichtet. 

 

Männliche Brutalität wird als Heldentat umgedeutet: Agamemnon schlachtet in seinem religiösen Wahn seine Tochter Iphigenie, um von den Göttern das Gelingen des Krieges zu erzwingen. Das ist nicht nur eine völllig sinnlose Tat, sondern begründet auch Klytaimnestras Hass auf Agamemnon. Er wird die Rückkunft nach Troja nur wenig länger überleben als Kassandra. Dem großen siegreichen Heerführer wird am Höhepunkt seines Triumpfs von seiner Frau der Kopf abgeschlagen (oder so ähnlich) 

 

Die einzigen Götter, die vielleicht real sind (wahrscheinlicher aber auch nur in den Träumen existieren) sind der (patriarchale) Sonnengott Appollon, dessen Priesterin Kassandra ist. Er verleiht Kassandra die Sehergabe. Weil sie sich ihm aber sexuell verweigert, verflucht er sie. Niemand schenkt ihren Weissagungen deshalb Glauben. 

 

Die Gegengöttin zu Appoll ist die Mondgöttin Kybele. Sie repräsentiert das Matriarchart. In der Stadt Troja hat sie sowieso nichts zu melden. Aber die Frauen am Ida orientieren sich an ihr. 

 

8. Vergangenheitsschicht: Außerhalb der Zeit. Die Gegenwelt am Skamandros / am Berg Ida

Außerhalb der Stadt Trojas (aber geographisch nicht zu fassen) ist am Fluss Skamandros und / oder am Berg Ida das „Reich“ Kybeles und der weisen Frauen; es existiert außerhalb jedes Herrschaftsanspruches und jeder gesellschaftlichen Hierarchie. Während des Krieges und während der Belagerung Trojas wird diese Welt zur Gegenwelt zum Palast und zum Tempel. Zugang haben nur diejenigen, die sich zumindest partiell der Logik des Krieges widersetzen. Hier findet Kassandra auch ihre große Liebe Aineas.