Kassandras Persönlichkeit; Veränderungen

Grundsätzliches

Die einzelnen Motiv- und Themenfelder sind eng miteinander verknüpft. 

 

Kassandras Entwicklung verläuft parallel zu den Veränderungen in der trojanischen Gesellschaft und als Reaktion auf diese.

 

Die Erlebnisse und Erfahrungen am Berg IDA schärfen Kassandras kritischen Blick auf die Palast- und Tempelgesellschaft. Andererseits beginnt sie ihre eigene Rolle in dieser Gesellschaft kritisch zu erkennen und abgespaltene Teile (Träume, Wahnanfälle) für eine Veränderung ihres Verhaltens nutzbar zu machen.

 

Die Geschichte Troias, der Stadt, „die sich selbst verliert“ („sodass aus Worten, Gesten, Zeremonien eine Geisterstadt entstand“, S99), ist gegenläufig zur Entwicklung Kassandras, die, je mehr sie sich der IDA-Welt annähert und je mehr sie sich von der Vater/Palast-Welt entfernt, „sehend“ im eigentlichen Sinn wird und emotional gesunden kann. Der Wechsel vom Palast (vom WIR zum SIE) in die IDA-WELT (vom SIE zum WIR) ermöglicht und spiegelt Kassandras Entwicklungsprozess

 

Die Entwicklung der Palast-Welt verläuft von einer Gesellschaft, die durchaus noch matriarchale Strukturen kennt (Stellung Hekabes), in eine streng partriarchale Gesellschaft (Ausschluss Hekabes, Unterordnung Hekabes unter Priamos). Parallel dazu vollzieht sich ein Prozess zunehmender Realitätsverleugnung und starrer Ritualisierung.

 

Je mehr Kassandra sich von der Palast-Welt entfernt, desto mehr verändert sich ihr Blick: Aus dem geliebten Vater wird der schwache König. Aus dem stolzen Troia wird ein Geister-Staat.

 

Der Kampf Kassandras mit sich selbst und ihrer inneren – anfangs als fremd erlebten – Stimme spiegelt den Kampf zwischen diesen Welten. Solang die Stimme fremd bleibt, kann Kassandra sich der Welt des Palastes zugehörig fühlen, sie zahlt dafür aber mit dem Preis der Erstarrung. Die Integration der Stimme bedingt den Abschied aus der Palast-Welt.

 

Die Wahnanfälle und die Reaktion Kassandras spiegeln diesen Weg. Der erste und der zweite Anfall führen nicht zu einer Veränderung der Sicht Kassandras. Erst der dritte Anfall nach dem Gastmahl lassen sie ihre Wahn-Bilder als abgespaltenen Teil der eigenen Person erkennen (in mir wurde gekämpft ... Zwei Gegner auf Leben und Tod hatten sich die erstorbene Landschaft meiner Seele zum Kampfplatz ausgewählt S71). Ausgelöst wird dieser Prozess durch die Anwesenheit Arisbes, die Kassandra einerseits duldet, der sie andererseits mit Widerstand begegnet. Kassandra macht in der Folge einen entscheidenden Schritt in die Ida-Welt (Das fremde Wesen in mir, das wissen wollte, hatte sich schon zu weit in mich hineingefressen. Ich konnte es nicht mehr loswerden, S 57), kehrt aber immer wieder in die Welt des Palastes zurück („... lieber litt ich, blieb aber, wo ich war, S99 // Schweren Herzens kam der Teil von mir, der königstreu, gehorsam, übereinstimmungsbesessen war, jeden Abend in die Burg zurück, S109). Erst nachdem sie auf dem NEIN beharrt und sie endgültig verstoßen wird, kann sie den Wechsel vollziehen und den Verlust des Vaters akzeptieren. (Jemand winselte: Jetzt nicht den Verstand verlieren, jetzt nicht. -. Meine Stimme. Ich blieb bei Verstand, 148; ...so drohte mich der Schmerz um den Verlust all dessen, was ich Vater nannte, zu erdrücken. S. 149)

 

Bedeutung des Krieges für Kassandras Entwicklung

Einerseits: Kassandra sieht den fortschreitenden Verfall der troianischen Gesellschaft parallel zur Vorbereitung des Krieges und zum Krieg; dieser Prozess ist ihr Weg von der naiven Königstochter über die wahnsinnige Seherin zur autonomen Frau; Weg aus Troia

 

Andererseits: Der Krieg verhindert, dass Kassandra ihre Verbindung zum Palast löst und sich selbst erkennt

Priamos und Eumelos erkennen diesen Konflikt und instrumentalisieren ihn für ihre Zwecke; die gefühlsmäßige Einsicht in die Wirklichkeit der Palast-Welt wird im Wahn gebannt

 

Erst als Kassandra merkt, dass der Kern ihrer Identität bedroht ist, kommt es zum offenen Konflikt (Der Krieg griff den Männern in die Brust und tötete den Vogel. Erst als er auch nach meiner Seele 

 

Kassandras Entwicklung von der Priesterin und Seherin zur Atheistin.

Kassandra als Priesterin

 

Kassandra sieht im Priesteramt retrospektiv u. a. eine Möglichkeit, aus der „vorgesehenen“ Frauenrolle ausbrechen zu können und autonom (und nicht wie die Mutter indirekt über den Vater) Einfluss ausüben zu können: „Nun – mein Wunsch, auf Menschen Einfluss auszuüben; wie anders sollte eine Frau sonst herrschen können? (31)

 

Möglichkeit zu einem autonomen Sexual- und Beziehungsleben („meine Abneigung gegen die Annäherung irdischer Männer …“;S 31)

 

Erst spät erkennt Kassandra, dass das, was Freiheit bringen sollte, zur Fessel wird, die sie (neben ihrer Beziehung zum Vater) gegen tiefere Erkenntnis ans Königshaus bindet. Das Amt blockiert ihren Autonomie-Prozess: „Durch den Jahreslauf des Gottes und die Forderungen des Palastes wurde mein Leben bestimmt. Man könnte auch sagen: erdrückt“. 32; „Ich sah nichts. Mit der Sehergabe überfordert, war ich blind.“ 32)

 

Kassandra als Seherin

 

Es kommt zu einer Umdrehung der mythischen Rolle der Seherin: In der Antike sind die SeherInnen die Stimme der Götter, die die Fähigkeit haben, das unausweichliche Schicksal der Menschen vorauszusehen. Bei Kassandra ist es nicht eine göttliche, sondern eine innere Stimme, die spricht. Ihre Sehergabe resultiert aus einer (tieferen, vom dominanten Teil des ICHS zunächst abgelehnten) Einsicht in die Wirklichkeit

 

Diese Umdeutung zeigt sich nochmals schärfer dadurch, dass ihr Zwillingsbruder Helenos und Panthoos gegen deren eigene Überzeugung und aus Gründen der "Staatsräson" an der klassischen (für Kassandra unglaubwürdig gewordenen) Rolle des Sehers  festhalten

 

Bedeutung Apolls

 

Apoll erscheint Kassandra im Traum nicht als strahlender Sonnengott der klassischen Mythologie, sondern als Gott „mit grausamen Augen“. Er verleiht Kassandra die Sehergabe quasi beiläufig als Fluch und aus Enttäuschung über ihre Weigerung, sich ihm sexuell gefügig zu zeigen; es bleibt „ein widerwärtiger Geschmack auf der Zunge“.

 

Dieser ambivalente Apoll (der Gott der Wölfe, der Mäuse und der Schlangen) dürfte eine ältere (vor-griechische, kleinasiatische und noch matriarchal geprägte Götterfigur sein. Parthena erzählt die Geschichte, wonach heilige Tempelschlangen im Garten Apolls an den Ohren der Zwillinge Kassandra und Helenos lecken, während die Amme schläft, (vgl. S28). Sie deutet den Traum als Fluch: „Du hast die Gabe, die Zukunft vorauszusagen. Doch niemand wird dir glauben“ (28)

 

Sehen als Selbsterkenntnis

 

Der Wunsch, Seherin zu werden, ist zunächst durch den Wunsch, mehr zu wissen und die Wahrheit zu erkennen, bestimmt

Es folgt die Erkenntnis Kassandras, dass ihr Sehen und ihre Wahrheit im Palast nicht gefragt sind,, weil sie nicht in die offizielle Sicht der Dinge (Schiffe, Krieg, ...) passt.

 

Schließlich folgt die Erkenntnis Kassandras, dass sie lange Zeit ihr Sehen auch selbst nicht akzeptiert und abspaltet, weil ihre Erkenntnisse ihr Leben innerhalb der Palastgesellschaft bedrohen oder sogar unmöglich machen würden und weil der Preis für das Sehen die Isolation und der Ausschluss aus der Palast-Gesellschaft wäre. Er wäre unweigerlich mit dem Verlust ihrer Rolle als Königstochter und mit dem Verlust ihrer Familie (besonders ihres Vaters Priamos) verbunden. Davor schreckt Kassandra die längste Zeit zurück. 

 

Die Sprache der Gefühle und des Körpers

 

Kassandras Denken (und die daraus folgende rationale Sprache) steht in Opposition zur Sprache ihres Körpers beziehungsweise zur Sprache der Gefühle. 

 

Der Preis, den Kassandra für die Verleugnung ihrer Gefühle und das Ignorieren der "Wahrheit der Gefühle" bezahlt, ist hoch. Es ist der Wahn. Mithilfe der Vernunft bekämpft sie die widerstrebende Gefühle; im Kampf gegen den Körper (Verweigerung der Nahrung im 3. und 4. Wahn) bekämpft sie auch diese Seite der Realität. Eine brüchige und ansatzweise Annäherung folgt, nachdem sie offen gegen das Königshaus rebelliert und von ihrem Vater Priamos, dem König, verstoßen wird; im Verließ (Korb) gefangen, muss (kann?) sie ihren Körper nicht mehr als Feind betrachten. Er ist das einzige, was ihr von sich selbst noch geblieen ist.

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Eine Verbindung der "Sprache der Vernunft" und der "Sprache der Gefühle" zu einer Einheit ist für Kassandra bis zum Schluss nicht möglich: „Jetzt kann ich gebrauchen, was ich lebenslang geübt: meine Gefühle durch Denken besiegen“ (S. 10) „Gespalten in mir selbst, mir selber zusehn ... werd ich um des Bewusstseins willen bis zuletzt mich selber spalten, eh das Beil mich spaltet“(27)

 

Die Sprache der Träume

 

Träume verschiedener Personen (Hekabe, Polyxena, ...) nehmen visionär das Schicksal von Personen vorweg; ihre Deutung (oder auch: Fehldeutung) steht aber im Dienst von Machtinteressen (Hekabes Traum). Deshalb führen sie nicht zur Erkenntnis. 

 

Ein Teil von Kassandras Träumen nimmt die Zukunft Troias vorweg (Traum vom brennenden Meer und der Flucht des Aineas, vgl. S 21)

 

Ein Teil der Träume spiegeln Kassandras Entwicklungsprozess. Der Sonne-Mond-Traum zeigt besipielsweise Kassandras falschen Denkansatz, der zur Unfähigkeit, den Traum zu deuten und seinen Inhalt zu erkennen, führt. (vgl. S.101)

 

Der letzte Traum ( am IDA) hebt die Spaltung, die im Sonne-Mond-Traum noch da ist, auf: „nachts träumte ich, nach so vielen traumlosen wüsten Nächten. Farben sah ich. Rot und Schwarz. Leben und Tod. Sie durchdrangen einander, kämpften nicht miteinander, wie ich es, sogar im Traum erwartet hatte. Andauernd ihre Gestalt verändernd, ergaben sie andauernd neue Muster, die unglaublich schön sein konnten.“(S. 143). Dieser Traum geht dem Nein, das sie dem Vater entgegen wirft, voraus.

 

Die Anfälle

 

Alle vier Anfälle stehen in Verbindung mit Schlüsselerlebnissen (Tod des Bruders Aisakos; die Legendenbildung um ihn, die den Trauerprozess verunmöglicht, S 50; Marpessa erzählt Kassandra die Wahrheit über Kalchas, S 45 – 47; Provokation des Menelaos durch Paris, S 69ff; Erkenntnis der Lüge rund um Helena, S 79f); alle Anfälle stehen in Zusammenhang mit der bedrohlichen Erkenntnis, dass die „offizielle Wahrheit“ eine Lüge ist, und mit der Unfähigkeit, mit dieser Erkenntnis umzugehen

Alle Anfälle folgen dem selben Muster: K. spricht mit einer „fremden“ Stimme, hat Schaum vor dem Mund, verliert die Kontrolle über ihren Körper, der sich in Zuckungen windet, unbändige Kräfte werden freigesetzt, die sich nur mit (Männer)gewalt bändigen lassen.

 

Der dritte Anfall ist eine Schlüsselstelle im Text: er ist in der Mitte der Erzählung, ist besonders intensiv und wird besonders genau beschrieben; zum ersten Mal erahnt Kassandra, dass ihre Anfälle mit ihrer Lebenssituation und mit ihrer Lähmung etwas zu tun haben; der Wahnsinn erscheint ihr als „Ende der Verstellungs-Qual“ (70); K. führt einen Kampf gegen ihren Körper und gegen ihre Stimme; Anchises weist ihr mit „therapeutischen Fragen“ einen Ausweg

 

 Kassandras Glaubens-Welt

 

Widersprüchlichkeit und Spannung von Anbeginn an kennzeichnen Kassandras Einstellung zur Religion und zu den Göttern (Wie ein Schiffbrüchiger das rettende Festland ersehnte ich das Priesteramt. Ich wollte die Welt nicht, wie sie war, aber hingebungsvoll wollte ich den Göttern dienen, die sie beherrschten: Es war ein Widerspruch in meinem Wunsch“ (47) Diese Haltung ist gekenntzeichnet von Blindheit, Verdrängung, Abspaltung

 

Eine grundlegende Widersprüchlichkeit liegt auch in der Bereitschaft, sich den Göttern unterzuordnen. Einerseits versagt sich Kassandra dem Apoll, der sich ihr im Träume nähert. Sie besteht auf ihrer sexuellen Freiheit und will nicht das fremdbestimmte Sexualobjekt sein. Damit konkurriert allerdings ihr Wunsch, die Sehergabe zu erhalten. Entsprechend entsetzt ist Kassandra über über das „grausame“ Gesicht Apolls; der helle Sonnengott Apoll erscheint als „zwiespältiger“ Apollon Lykeios, Gott der Wölfe und der Mäuse (19)

 

Die negativen Veränderungen in der trojanischen Gesellschaft durch den Krieg und der Kriegsverlauf bestärken Kassandras Kritik an der Fehlerhaftigkeit der Götter, ohne dass isie aber ihre Existenz definitiv leugnen würde. Die Götter werden zu jenseitigen Mächten, die dem Leben der Menschen und ihrem Schicksal schlichtwegs gleichgültig gegenüberstehen.  „Eumelos war ... eine Fehlentwicklung, etwas wie ein Unfall, ein Versehen der Götter, wenn es sie gäbe“ (106); „Tiefer als jeder andren Regung, tiefer selbst als von meiner Angst, bin ich geätzt, vergiftet von der Gleichgültigkeit der Außerirdischen gegenüber uns Irdischen ... Und vergeblich versuchen wir, uns ihren Gewalttaten zu entziehen. Ich weiß es seit langem. (5); „In jener Nacht verließen uns die Götter“ (131)

 

Kassandra erkennt, dass die Götter und die Religion überhaupt von den Mächtigen missbraucht und zu ihren Zwecken instrumentalisiert wird. Der Glaube hat eine repressive und kriegsfördernde Funktion, er dient als Mittel das Volk ruhig zu halten. Die Orakel liefern den Interessen der Herrschenden dienende und von ihnen teilweise bestellte "Botschaften". Der Tempel wird zu politischen Zwecken missbraucht und entheiligt, wenn es der "Kriegslogik" dient.  (Achill tötet Troilos im Tempel, der Anschlag auf Achill wird im Tempel ausgeführt); der Kult wird in den Dienst des Krieges gestellt (und so von den toten Helden auf die lebenden verlagert).

 

Kassandra selbst kompensiert ihre wechselnden Glaubenszweifel durch Perfektionierung der kultischen Handlungen, die dadurch zu leeren und toten Ritualen werden (vgl. S. 114)

 

Am Ende verliert Kassandra sogar den Glauben an die Götter („Denn an die Götter zu glauben, hatte ich inzwischen aufgehört“ 114) und sie verflucht schließlich Apoll, dessen Priesterin sie ist (156)

In der Rückschau sieht Kassandra den Verlust des Glaubens als Teil des Heilungsprozess, der die Folge von Hoffnungsverlust ist (S 114: „Der Glaube wich von mir wie manchmal eine Krankheit weicht ... Die Krankheit findet keinen Boden mehr in dir. So auch der Glaube. Welches wäre den sein Boden noch gewesen. Als erstes fällt mir Hoffnung ein. Als zweites Furcht ... Doch Furcht allein hält die Götter nicht, sie sind sehr eitel, man sollte sie auch lieben; der Hoffnungslose liegt sie nicht“)

 

Kassandra hat aufgehört, an die Götter zu glauben. Das, was sie dadurch erkennt, ist nur sehr schwer auszuhalten. Es ist die Erkenntnis, dass es keinen tieferen Sinn und kein übergeordnetes Schicksal gibt. Alles, was es gibt, ist das Versagen der Menschen, für das sie ganz allein selbst verantwortlich sind.