Rationalismus und Rationalismuskritik in "Kassandra"

Während Kassandra als individuelle Persönlichkeit, die widersprüchlich ist und einen schwierigen Entwicklungsprozess durchmacht, charakterisiert ist, erscheinen die meisten Nebenfiguren als stilisierte „Archetypen“. Dies gilt für Männer- und Frauenfiguren.

 

Kassandras Entwicklungsweg ist u. a. ein Prozess, in dem sie schrittweise sinnliche Wahrnehmung  und Intuition als gleichberechtigt zu rational-intellektueller Erkenntnis anerkennt.. Kassandra erkennt, dass Entwicklung nur über Integration (auch negativer) Gefühle möglich ist und dass die Angst vor diesen (negativen) Gefühlen Entwicklung lähmt und blockiert. („Mir kommt der Gedanke, insgeheim verfolge ich die Geschichte meiner Angst. Oder, richtiger, die Geschichte ihrer Entzügelung, noch genauer: ihrer Befreiung. Ja, tatsächlich, auch Angst kann befreit werden, und dabei zeigt sich, sie gehört mit allem und allen Unterdrückten zusammen“. S 41). Erst als Kassandra lernt, die Angst zu akzeptieren anstatt gegen sie anzukämpfen, kann sie den entscheidenden Schritt in die Autonomie machen. Durch das Akzeptieren der Angst kann die Angst zum Motor der Erkenntnis werden („… mein Gedächtnis ist ein Angst-Gedächtnis. Ein Gefühls-Gedächtnis.“ S123)

 

In Kassandra werden Typen gezeichnet, die durch die Abspaltung ihrer Emotionalität die Welt rund um sich zugrunde richten und dabei – bis auf Eumelos – selbst sterben (Priamos, Eumelos, Achill, ... // Penthesileia, Proxena); daneben gibt es mit Anchises // Aineas //Arisbe die Gegenfiguren integrativen Denkens, Handelns und Lebens. Mit Aineas, der flieht anstatt den vermeintlichen "Heldentod" zu sterben, lebt dieses Prinzip weiter. 

 

Christa Wolf rezipiert hier Theorien aus dem Aufklärungs–Diskurs der 70er- und 80er-Jahre in Deutschland.. In den Vorlesungen zu Kassandra meint sie, mit dem abendländischen Denken beginne ein „Lernen durch das Leid“ (KV75); es erscheint ihr „das Gesetz der neuen Götter zu sein, der Weg des männlichen Denkens auch, das die Mutter Natur nicht lieben, sondern sie durchschauen will, um sie zu beherrschen und das erstaunliche Gebäude einer naturfremden Geisteswelt zu errichten, aus der Frauen von nun an ausgeschlossen sind ... Weisheit wider Willen. Kulturgewinn durch Naturverlust. Fortschritt durch Leid: die Formeln ... die der Kultur des Abendlandes zugrunde liegen.“ (KV76)

 

Gleichzeitig sieht Ch. Wolf aber auch die Gefahr, dass die Rationalismus-Kritik in Irrationalismus umschlagen könnte:

 

“Woraus speist sich mein Unbehagen bei der Lektüre so mancher Veröffentlichung (...), die sich selbst unter das Prädikat „Frauenliteratur“ begibt? Nicht nur aus meiner Erfahrung, in welche Sackgasse sektiererisches, anderes als die von der eigenen Gruppe sanktionierten Gesichtspunkte ausschließendes Denken immer führt; vor allem empfinde ich einen wahren Horror vor jener Rationalismuskritik, die selbst in hemmungslosem Irrationalismus endet. (...) Jedoch bringt es der Fähigkeit zur Reife nicht näher, wenn an die Stelle des Männlichkeitswahns der Weiblichkeitswahn gesetzt wird und wenn Errungenschaften vernünftigen Denkens, nur weil Männer sie hervorgebracht haben, von Frauen zugunsten einer Idealisierung vorrationaler Menschheitsetappen über Bord geworfen werden. (...) Es gibt keinen Weg vorbei an der Persönlichkeitsbildung, an rationalen Modellen der Konfliktlösung, das heißt auch an der Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit Andersdenkenden und, selbstverständlich, Andersgeschlechtlichen. Autonomie ist eine Aufgabe für jedermann, und Frauen, die sich auf ihre Weiblichkeit als einen Wert zurückziehen, handeln im Grunde, wie es ihnen adressiert wurde: Sie reagieren mit einem groß angelegten Ausweichmanöver auf die Herausforderung der Realität an ihre ganze Person.“ (KV 115)