Reflexion des Verhältnisses von Sprache und Macht

Sprache als Mittel der Manipulation und des Machtmissbrauchs

Traumdeutung

Instrumentalisierung im Dienste der Macht // der Herrschaftsinteressen

Bsp. Traum Hekabes vor der Geburt des Paris (59f): Hekabe: Paris als Retterin der Schlangenkönigin // Priamos: Paris als Zerstörer Troias ==> Tod

Bsp. Traum d. Priamos von den zwei Drachen (77); Panthoos: Bewaffnung, um Feind zu besiegen; Kassandra: „du liegst mit dir selbst im Widerstreit“

Orakel

Leeres Geschwätz wird als Weissagung ausgelegt

S 35: Was sonst als Wetter, Bodenfruchtbarkeit, Viehseuchen, Krankheiten – wollte ich die Leute aus dem Kreis herausreißen, in den sie eingeflochten seien? In dem sie sich wohlfühlten, nach nichts anderem Ausschau hielten. ... Wer bist du, ihnen andre Fragen aufzudrängen. Lass alles, wie es ist, Kassandra, ich rate dir gut.

 

S 103: ... die Orakelsprecher waren die Münder derer, die sie bestellten ...

Umdeutungen

Beugung der Wahrheit, um den nationalen Zusammenhalt zu stärken und das Volk auf Krieg einzuschwören:

Die DREI SCHIFFE

Erfindung HELENAS
Abschiebung BRISEIS

S 76: Jubelnd lief das Volk durch die Straßen. Ich sah eine Nachricht zur Wahrheit werden.... Was man lange genug gesagt hat, glaubt man am Ende.

 

S81: ... man muss nur trachten, dass dem Heer der Glaube an das Phantom erhalten bleibt

 

S98: .. im Krieg sei alles, was im Frieden gelten würde, außer Kraft gesetzt. Briseis schade es doch nicht, was hier, wohin sie niemals wieder kommen werde, über sie geredet werde. Uns nütze es

 

S 99: in Helena, die wir erfanden, verteidigten wir alles, was wir nicht mehr hatten. Was wir aber, je mehr es schwand, für um so wirklicher erklären mussten

 

S 88: da schlug ich vor ... Troilos nach seinem Tode für zwanzig zu erklären. Und Eumelos ergänzte, jeder solle unter Strafe stehn, der weiterhin behauptete, dass Troilos erst siebzehn war, als ihn Achill erschlug

Sprachkodes

Euphemismen und Umbenennungen schüren die Kriegsstimmung // lassen den Krieg als moralisch gerechtfertigt erscheinen

65: in dem Spartaner nicht den Gastfreund, sondern den Kundschafter oder Provokateur sahen

 

S74: Auch geistig müssten wir gerüstet sein, wenn der Grieche uns angreife. Die geistige Rüstung bestand in der Schmähung des Feindes (von „Feind“ war schon die Rede, eh noch ein einziger Grieche ein Schiff bestiegen hatte) ...

Umdeutungen

Umdeutungen // Euphemismen zur Entschuldigung // Verleugnung des eigenen Verhaltens

S 63: Er habe sie opfern müssen. Das war nicht, was ich hören wollte, aber Wörter wie „morden“, „schlachten“ sind ja den Mördern und Schlächter unbekannt.

Heroisierung

Verherrlichung der Krieger // Idealisierung zum Helden

Paris (S77): Der abwesende Paris wurde in Gesängen gefeiert

Aineas (gg. dessen Willen) S 100

Hektor (104): sie bauten ihn zum Ersten Helden auf. ... Unter meinen Brüdern gab es etliche, die sich besser dazu eigneten im Kampf voranzugehn, als er.

Priamos (116): Starr saß er bei den großen Feiern in der Halle und hörte auf die Gesänge, die ihn priesen. Ihn und der Troer Heldentaten. Neue Sänger waren nachgewachsen, oder die alten, wenn sie noch geduldet wurde, änderten den Text. Die neuen Texte waren ruhmredig, marktschreierisch, speichelleckerisch, ...

 

Sprache als Mittel der Erkenntnis

Kassandras schonungslose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Troias und ihrer eigenen Verstrickung in die Ereignisse im Angesicht des Todes

Ein Grund zu lachen, gäbe es den noch: Mein Hang, mich zu rechtfertigen, sollte sich, so kurz vor mir selbst, erledigt haben. (S6) Wie der Arzt, um zu prüfen, ob es abgestorgen ist, ein Glied ansticht, so stech ich mein Gedächtnis an. Vielleicht dass der Schmerz stirbt, eh wir sterben (S8) „Jetzt wird der Kern geschliffen“ (11) Wohin ich blicke oder denke, kein Gott, kein Urteil, nur ich selbst. Wer macht mein Urteil über mich bis in den Tod, bis übe ihn hinaus, so streng (28)Ja.Ja.Ja. Jetzt wird ich mit mir selbst von Polyxena sprechen. Von jener Schuld, die nicht zu tilgen ist, und würde Klytaimnestra mich zwnazigmal erschlagen (110)

Kassandras schrittweise Integration der im Wahn abgespaltenen inneren Stimme

(S57) Ich merkte es zu spät. Das fremde Wesen, das wissen wollte, hatte sich schon zu weit in mich hineingefressen, ich konnte es nicht mehr loswerden.

 

(S70) Bis endlich die entsetzliche Qual, als Stimme, sich aus mir, durch mich hindurch und mich zerreißend ihren Weg gebahnt hatte und sich losgemacht ...die Stimme schert das nicht. Frei hängt sie über mir und schreibt, schreit, schreit.

 

(S110) Durchsichtig, schwächlich, immer unansehnlicher wurde mein Wir, an dem ich festhielt, unfühlbar daher für mich selbst mein Ich.

(S148): Jemand winselte: Jetzt nicht den Verstand verlieren, jetzt nicht -. Meine Stimme. Ich blieb bei Verstand. ... Ich weiß noch: Plötzlich hielt ich ein, saß lange ohne mich zu rühren, von der Einsicht wie vom Blitz getroffen: Das ist der Schmerz. .... so drohte mich der Schmerz um den Verlust all dessen, was ich Vater nannte, zu erdrücken.

Anchises Fähigkeit, ein Gegenbild zur vorherrschenden Ideologie zu entwerfen // Beziehungen zu finden

S 121: Der Eumelos braucht den Achilles wie ein alter Schuh den andern. Aber dahinter steckt ein primitiver Trick, ein Denkfehler, den er dir in aller hundsgemeinen Unschuld eingeimpft hat. Und der nur funktioniert, solange du ihm nicht auf seine schwache Stelle kommst. Nämlich: Er setzt voraus, was er erst schaffen musste: Krieg. Ist er soweit gekommen, nimmt er diesen Krieg als das Normale und setzt voraus, aus ihm führt nur ein Weg, der heißt: der Sieg. Dann allerdings diktiert der Feind, was dir zu tun bleibt. Dann steckst du in der Klemme und hast zu wählen zwischen Achill und Eumelos, zwei Übeln. 

Kassandras Bereitschaft, endlich NEIN zu sagen

S 81: Denn warum schrie ich, wenn ich schrie: Wir sind verloren!, warum nicht: Troer, es gibt keine Helena! Ich weiß es, wusste es auch damals schon: Der Eumelos in mir verbot es mir. Ihn, der mich im Palast erwartete, ihn schrie ich an: Es gibt keine Helena! Aber er wusst es ja. Dem Volk hätt ich es sagen müssen. Das hieß: Ich, Seherin, gehörte zum Palast.

 

S 146: Nun, Kassandra. Nicht wahr, du bist vernünftig. Ich sagte: Nein. Du stimmst nicht zu? Nein. Aber du wirst schweigen. Nein, sagte ich. ... Der König sagte: Nehmt sie fest.

Arisbes therapeutische Worte

S 72: So strafst du diese nicht

S 72: Tauch auf, Kassandra, sagte sie. Öffne dein inneres Auge. Schau dich an.