Der Autor Felix Mitterer erzählt über seine Lese-Geschichte

Der Text

Felix Mitterer: Wie das bei mir mit dem Lesen war ...


(...) geboren 1946 in Achenkrich (Tirol) als uneheliches Kind einer verwitweten Kleinbäuerin. Aus wirtschafltichen Gründen an kinderloses Landarbeiterehepaar verschenkt. Aufgewachsen in der Gegend von Kitzbühel und Kirchberg. Mit den Adoptiveltern von einem Bauernhof zum anderen gezogen.

Lesen war für mich als Kind lebenswichtig. Lesen war für mich als Kind eine Flucht vor dem Leben. Das Leben war oft nicht schön. Für meine Mutter nicht, für meinen Vater nicht, für mich nicht.

Beginnen wir mit den Kinderbüchern. Soweit ich mich erinnere, wurden keine für mich gekauft, aber ich fand trotzdem welche. Das faszinierendste Bilderbuch für mich war der Versandhaus-Katalog von Moden Müller. Was für herrliche Dinge gab es da zu sehen: Spielzeuge, Werkzeuge, Kleider, Möbel, alle Dinge, die man sich nur vorstellen kann. Aber nicht nur Dinge waren im Katalog zu sehen, auch Menschen. Schön angezogene Männer, lachende Kinder in Pyjamas und auch Frauen in Unterwäsche. Das gefiel mir schon sehr gut

Stundenlang blätterte ich oft in diesem Katalog. Mir war zwar bewusst, dass man diese Dinge auch kaufen konnte, weil Mutter einen Monat vor Weihnachten immer die Bestellzettel ausfüllte, trotzdem aber kam es mir nicht so vor, als könne man diese Dinge besitzen. Sie waren nur da zum Anschauen. Wie die Bilder in einem Bilderbuch eben. Auch den Reimmichl-Kalender benutzte ich als Bilderbuch, weil er viele Zeichnungen und Reproduktionen von Gemälden enthielt. Ebenso diente mir das Fotoalbum der Mutter als Bilderbuch. Ich fand mich oft selbst darin, weil Mutter eine alte Agfa-Box besaß und manchmal fotografierte. Auch Bilder, die Fremdengäste von mir gemacht hatten, waren darin. Ich stellte ein gern benutztes Foto-Objekt für die Fremden dar: der Tiroler Bua mit Lederhose und grünem Hütl.

Bis jetzt war alles gut. Jedes Kind schaut gerne Bilder an. Das ging schon in Ordnung. Doch dann lernte ich lesen.

Mein erstes Schulbuch hieß: "Neue Fibel - Ein Lesebuch für Schulanfänger nach der Ganzheitsmethode". Ich weiß nicht mehr, was Ganzheitsmethode bedeutet. Wenn ich mich recht erinnere, lernten wir gleich ganze Sätze und Wörter lesen. Diesem Buch waren damals schon lose Arbeitsblätter beigefügt. Anscheinend eine fortschrittliche Methode. Meine Mutter sagt, dass ich schnell lesen lernte, dass sich aber viele meiner Schulkameraden schwer getan hätten mit dieser so genannten Ganzheitsmethode. Ich weiß es nicht mehr. Das Buch begann mit folgendem Text: Wo sind die lieben Geißlein? Eins ist unter dem Tisch. Eins ist unter der Schüssel. Eins ist im Bett. Eins ist im Kasten. Eins ist im Ofen. Eins ist im Waschtisch. Das kleine Geißlein ist im Uhrkasten.

Ich war das kleine Geißlein im Uhrkasten. Mit folgendem Gedicht endete das Buch: Die Schule ist aus! Hurra! Hurra! / Die schöne Ferienzeit ist da! / Da muss ich nicht so früh aufstehn / und brauch nicht mehr zur Schule gehn / (...)

Gut. Als ich lesen konnte, las ich. Alles, was mir unter die Finger kam. Die Tageszeitung des Vaters (er war einer der wenigen Knechte, die eine Zeitung lasen), die Bauernzeitung des Bauern, den Bauernkalender, den Reimmichel-Kalender, die Schundhefte der Knechte, Bücher, die ich irgendwo auftrieb.

Nun traten Schwierigkeiten auf. Die Mutter sagte: "Lesen is für nix guat!" Es hieß: "Lies nit so viel, du verdirbst dir die Augen!" (Das Licht wurde immer erst eingeschaltet, wenn es schon ganz dunkel war. Stromsparen für den Bauern.) Es hieß: "Hörst nit, du sollst mir Holz holen. Olles muss man dir dreimol sogn!"

Mutter las selbst auch manchmal. Heftchenroman über Frauenschicksale. Arztromane. Heimatromane. Letzteres Milieu kannte sie und durchschaute nicht die Lüge. Beziehungsweise akzeptierte sie. Hie Literatur, dort Leben. Die Frauen- und Heimatromane meiner Mutter rührte ich nicht an. Sie interessierten mich nicht.

Da meine Lesewut Mutters Unduldsamkeit hervorrief, versteckte ich mich oft zum Lesen. Aber natürlich nicht nur meine Mutter hielt Lesen für überflüssig, sondern auch die anderen Menschen in meiner Umgebung. Als ich dann in den Ferien bei verschiedenen Bauern arbeitete, verkroch ich mich manchmal - vor allem bei schlechtem Wetter - im Heu in der Scheune und las heimlich. Ich erinnere mich auch, dass ich ein paar Mal die Schule schwänzte, um stattdessen zu lesen. Mein Schulweg betrug etwa eine Stunde. Auf der Hälfte des Weges bog ich in eine Wiese ab, kroch in einen Stadel und las, bis die Schule aus war. Dann ging ich wieder heim.

(...) Bei den Bauern, wo meine Eltern arbeiteten, gab es auch manchmal Fremdengäste. Nur ein, zwei Familien. Sommerfrischler nannte man das damals noch. Meistens kamen sie aus Innsbruck oder Wien. Einige dieser Gäste schenkten mir Bücher, als sie merkten, dass ich gerne lese. Ich verdanke diesen Büchern die schönsten Erlebnisse meines Lebens. Ohne Übertreibung. Nie mehr vermochte mich etwas so zu beeindrucken. (...) Die Bücher (...) schenkten mir Erlebnisse anderer Art. Da waren Abenteuer, Spannung, Geheimnis, Lachen, fremde Welten. Ich erinnere mich an ein Buch, das "El dorado" hieß und von der Suche der Konquistadoren nach dem sagenhaften Goldland El Dorado handelte. Es war wohl eher ein Buch für Erwachsene, und ich kannte natürlich den geschichtlichen Zusammenhang nicht. Aber gerade deshalb wohl war ich so fasziniert. Ich war aufgewühlt bis ins Innereste. Und nur ich wusste davon, niemand sonst. Diese Welt gehörte mir.

(...) Noch ein Buch: "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" von Mark Twain. Wiener Gäste schenkten es mir. Eine ganz dicke Schwarte. Ich verschlang es mit Begeisterung. Wie ich mich darin wiederfand! Nur der Mut der beiden fehlte mir. Die Unbekümmertheit. Die Strafen für die Unbekümmertheit waren hart. So handelten die beiden an meiner Stelle. Auch schön. Oder gerade deshalb.

Den Knechten verdanke ich ebenfalls viel. Ich verdanke ihnen zum Beispiel die ersten Comicstrips meines Lebens. Was für eine Abenteuer! Ganz zufällig im Kasten der Gesindestube fand ich einen Packen dieser schmalen Heftchen. Wenn mich nicht alles täuscht, so hieß der Held Nick Carter und erlebte im Weltraum eine Unmenge von Abenteuern. Er besaß eine Strahlenpistole, mit der er ganze Stahlwände mir nix dir nix aufschnitt. Vom Bauernhof - quasi im 19. Jahrhundert - in den Weltraum. Schön! Ich fieberte förmlich.

(...)

 

Arbeitsaufgaben

  1. Wie unterscheidet sich die Kindheit Mitterers von den Erfahrungen, die ein Kind im Vorschul- und Pflichtschulalter heute macht?
  2. Wie würde man das Milieu beschreiben, in dem Mitterer aufwächst?
  3. Warum ist das Lesen für Felix Mitterer von so zentraler Bedeutung?
  4. Lesen ist manchmal Flucht aus der Welt, in der man lebt, und manchmal kritisches Hinterfragen dieser Welt. Welche Bedeutung haben Bücher und das Lesen für Mitterer in erster Linie
  5. Warum gefallen Mitterer vor allem "Tom Sawer und Huckleberry Finn" von Mark Twain besonders gut? Worum geht es in diesen Texten?

 

Der Autor Felix Mitterer

Bildquelle: www.pressetext.com
Bildquelle: www.pressetext.com
  • geboren 1948
  • österreichischer Schriftsteller
  • schreibt Kinderbücher ("Die Superhenne Hanna"), Theaterstücke ("Kein Platz für Idioten"), Filmdrehbücher ("Die Pfiefke-Saga", "Stigma", Tatort-Drehbücher), ...
  • versteht sich als kritischer Heimatdichter, der Klischeebilder von der idyllischen ländlichen Heimat immer wieder kritisch in Frage stellt.
  • hat zahlreiche Preise erhalten

 

Internetquellen zu Felix Mitterer

  • fm4 über Felix Mitterer
  • ORF über Felix Mitterer (Biographie, Werkübersicht, Preise)