Lese-Erfahrungen: Die Bedeutung des Lesens

Die Autorin Ingeborg Hecht erzählt ...

Ingeborg Hecht: David Copperfield oder: Glanz und Elend im Bücherschrank und anderswo

 

In der elterlichen Bibliothek hatten wir nichts zu suchen, zumal wir in der eigenen genug fanden. Da hielten sich die mehr oder weniger literarischen Kinder unserer Welt auf, Tom und Huck; Nesthäkchen, Trotzköpchen und Heidi. Bei meinem Bruder tummelte sich allerlei von Karl May, dazu wohl Dschingis Khan, der lahme Reiter und anderes Abeneteuerliche zu Lande und auch, wie Kapitän Nemo, unter Wasser; in der Luft war's dazumal höchsten Nils Holgerson. Und natürlich Zwerg Nase oder der kleine Muck und wer sonst noch beim Schein der Wunderlampen in den Kinderzimmern die 1001 Nächte einleuchtete, damals.

 

Eines Tages, wir waren auf dem Weg zu Erwachsenwerden, lag aus der langen schmucken Reihe der Rowohltbücher ein Balzac-Band frei herum. Ich las "Glanz und Elend der Kurtisanen". Glanz und Elend, wiederholte ich, Glanz und Elend. Die Formulierung gefiel mir ungeheuer gut. Ich begab mich auf den Dachboden in eine nicht ungemütliche Wäschekammer, wo ich mich sicher wähnte, in aller Ruhe dem Geheimnis dieses Titels auf den Grund kommen zu können. Aber ausgerechnet in dem Moment wünschte man Wäsche aufzuhängen; ich wurde aufgestöbert, noch ehe ich in diesen Apfel der Erkenntnis hatte beißen dürfen. Die Frau Mama nahm das Buch an sich und sagte: "Wenn schon etwas aus unseren Bücherschränken, dann bitte ein bisschen mehr nach rechts rücken: noch nicht B wie Balzac, sondern ... vielleicht erst mal ... D wie Dickens." Und sie holte den David Copperfield.

 

Diese Sternstunde leuchtete mir in dem sonst so schweren Jahr 1934; ich war dreizehn. Übrigens, falls man sich über Trotzköpfchen und Nesthäkchen wundern möchte (die Heidi ist ja wieder auferstanden): Unsere Generation war da etwas zurückgeblieben, wenn man so will. Jedenfalls war ich nun offiziell im Besitz eines Erwachsenenbuches. Ich ging in mein schönes Zimmer. Letzter Glanz vor dem Elend. Meinem Vater war aus "rassischen Gründen" die Zulassung als Anwalt entzogen worden, die Stunden im eigenen Haus waren gezählt.

 

"Willst du mir wenigstens noch sagen, was eine Kurtisane ist?", fragte ich meine Mutter. "Nein", sagte sie und ließ mich mit David Copperfield allein.

 

Der kleine Master Davy begann mich zu erobern. Er war reizend, liebevoll und sanft. Seine Kinderfrau Pegotty war die personifizierte Geborgenheit; in Yarmouth das kleine Schiff-Häuschen war der Inbegriff romantischer Ferienbehausung, in die hinein keine Störung geraten konnte. Es kam dem David vor wie Aladdins Palast und mir auch.

 

In der Zeit begannen in unserer "rassisch" höchst gemischten Privatschule die Schwierigkeiten mit den BDM-Mädchen. Zwar waren die in der Minderzahl, aber sie hatte die Direktorin hinter sich und fast das gesamte Volk. Sie ließen uns "andere" wissen, dass wir keine deutschen Mädchen seien. Als wir im Unterricht über unsere häusliche Lektüre sprechen sollten, sagte eine von ihnen: "Dickens? Das ist doch nicht einmal ein Deutscher."

 

Mrs. Copperfield starb, der böse Stiefvater, Mr. Murdstone, und seine ebenso böse Schwester Jane machten aus David ein leidendes Kind. Er war nicht mehr geborgen, er hatte keine Pegotty mehr, er hungerte. Aus ländlicher Idylle verbannte man ihn, so jung er war, als Flaschenspüler nach London.

 

Mein Bruder und ich wunderten uns nicht darüber, dass wir von heute auf morgen das schöne Haus verlassen und in eine kleine Wohnung ziehen mussten; auch nicht darüber, dass unsere Pegotty nicht mitkam. Es ist fast wie bei David, dachte ich, aber glücklicherweise nur äußerlich. Wir hatten Eltern, wir wurden geliebt. Aber wir spürten immer deutlicher, dass uns etwas Vernichtendes bedrohte wie die Murdstones den David. Mein Bruder tauschte Karl May gegen Rilke um und zitierte: Reiten, reiten, reiten ... (irgendwohin, wo es keine Angst gab?). Ich trennte mich von David, aber nur, um Oliver Twist kennen zu lernen, überhaupt alles von Dickens und möglichst auch viel über ihn. Ich hatte lesen gelernt.

 

Das Erwachsenwerden ging nun fast zu schnell, und bald gehörte auch Balzac nicht mehr zu den verbotenen Früchten.

 

In der Schule lasen wir Stifters "Brigitta". Wir taten uns ein wenig schwer damit, aber wir waren (noch) romantische kleine Mädchen und schwärmten für die Klassenlehrerin. Und die nun liebte Stifter ... Ängstlich fragte ich mich, ob sie Dickens nicht läse, zumal sich's schon abzeichnete, dass man gen Engelland ziehen wollte! Aber eines Tages schenkte sie mir von ihm "Schwere Zeiten" und von Stifter die Erzählung "Abdias". Sie hatte also, trotz ihrer Hakenkreuzfahne, verstanden.

 

Um ins Jahr 1979 zurückzukehren: An meiner Liebe zu David Copperfield hat sich nichts geändert. Die vorübergehenden Konkurrenzkämpfe etwa mit Swifts mal zu großem und mal zu kleinem Gulliver oder später mit Wolf von Niebelschützs göttlichem, goldspendenden Grandseigneur, dem "Blauen Kammerherrn" (wer kennt ihn schon noch?), hat er siegreich bestanden. Diese Liebe hat vorgehalten durch - und auch jene erste mir bewusst gewordene Formulierung der Weltliteratur fasziniert mich heute noch! - allen Glanz und durch alles Elend dieser unserer Zeit.

 

Arbeitsaufgaben

  1. In was für einer Familie wächst Ingeborg Hecht auf? Wie unterscheidet sie sich von der Familie, in der Felix Mitterer groß wird?
  2. Welche Bedeutung haben Bücher in ihrer Familie?
  3. Wie beeinflusst der Nationalsozialismus das Leben Ingeborg Hechts?
  4. Welche Bücher spielen im Leben von Ingeborg Hecht eine besondere Bedeutung? Warum? Kennst du eines der Bücher, die für sie wichtig sind?

 

Die Autorin Ingeborg Hecht

Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia
  • geboren 1921 in Hamburg,
  • entstammt einer großbürgerlichen Familie
  • hat ihr Leben unter in einer Autobiographie mit dem Titel "Als unsichtbare Mauern wuchsen" (1993) beschrieben: Als Kind aus einer großbürgerlichen Ehe zwischen einer protestantisch-adeligen Mutter und einem jüdischen Vater gilt sie in der Zeit des Nationalsozialismus als "Mischling ersten Grades" und leidet unter den so genannten Nürnberger Rassegesetzen. Ihr Vater wird im KZ umgebracht. 
  • gestorben 2011 in Freiburg (Breisgau)

 

Internetlinks: 

  • Zeit online: Artikel über die Autorin Ingeborg Hecht und ihr autobiographisches Schreiben über ihre Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus
  • Nachruf auf Ingeborg Hecht in der "Badischen Zeitung"