Von LeserInnen und Nicht-LeserInnen

Mit schöner Regelmäßigkeit werden Statistiken veröffentlicht, die das "Ende des Buches" und den Untergang der Kulturtechnik Lesen voraussagen. Was in den 70er-Jahren das Fernsehen der angebliche Buch- und Lesekiller, so sind es jetzt Computer, Computerspiele und Internet.

 

Zum einen wird erklärt, dass Menschen im Allgemeinen und insbesondere Kinder und Jugendliche immer weniger lesen und dass immer weniger Freizeit mit Lesen verbracht werde.

 

Zum anderen wird prognostiziert, dass Internet und elektronische Speichermedien wie die CD-ROM das klassische Buch immer mehr verdrängten.

 

Leseverhalten

 

Was das Leseverhalten anbelangt, muss man differenzieren. Studien zeigen, dass das Lesen als Freizeitbeschäftigung tendenziell tatsächlich zurückgeht. Das dürfte teilweise einfach damit zu tun haben, dass Menschen heute viel mehr Möglichkeiten der Freizeitgestaltung haben als in früheren Zeiten. Wollte Felix Mitterer seinem eintönigen Leben als Kind einer Magd auf einem Bauernhof für kurze Zeit entfliehen, konnte er keinen Fernseher einschalten, er konnte nicht ins Kino gehen, er konnte sich nicht mit einem Computerspiel ablenken; ganz einfach deshalb, weil es in seiner Kindheit das alles nicht gegeben hat. Die einzige Möglichkeit, etwas Farbe und Fantasie ins Leben zu bringen, war das Betrachten von Katalogen und dann später das Lesen.

 

Was wir aber nicht vergessen dürfen, ist, dass es immer schon Menschen - auch Kinder und Jugendliche - gegeben hat, die wenig oder gar nichts gelesen haben.

 

Was Studien, die sich differenzierter mit dem Leseverhalten auseinandersetzen, zeigen, ist, dass es auf der einen Seite eine Gruppe von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen gibt, die regelmäßig und recht viel liest. Verschiedenen Statistiken zufolge dürfte diese Gruppe etwa 20 Prozent der jeweiligen Altersgruppe betragen.

 

Daneben gibt es eine Gruppe von ebenfalls zirka 20 Prozent, die "gelegentlich" liest. "Gelegentlich" zu lesen, bedeutet dabei, ungefähr alle zwei Monate ein Buch oder etwas sechs Bücher im Jahr zu lesen.

 

Die größte Gruppe sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die praktisch überhaupt nie (freiwillig) zu einem Buch greifen.

 

In allen Statistiken wird deutlich, dass Mädchen und Frauen mehr lesen als Jungen und Männer.

 

Und in allen Statistiken wird deutlich, dass es vor allem vom Elternhaus und vom sozialen Hintergrund abhängig ist, ob Kinder und Jugendliche oft und gerne zum Buch greifen. Wenn Kinder schon früh - vor allem durch Vorlesen - mit Büchern vertraut werden, wenn im Elternhaus Bücher sichtbar sind, wenn Eltern selbst lesen, wenn vor allem im Kinderzimmer kein Fernseher und keine Playstation stehen und der Fernsehkonsum durch Regeln "im Rahmen bleibt", greifen Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer Freizeit regelmäßig zu einem Buch.

 

Statistiken zeigen ebenfalls, dass der Computer im Normalfall kein Lese-Killer ist: Kinder und Jugendliche, die überdurchschnittliche Kenntnisse im Umgang mit Computern haben, sind häufig auch gute und aktive LeserInnen.

 

Was aber in jedem Fall klar ist: Nur wer gut, flüssig und Sinn erfassend lesen kann, greift in seiner Freizeit zumindest gelegentlich zum Buch. Wer schlecht liest, liest wenig. Und seine Lesefähigkeiten verschlechtern sich dadurch zusätzlich. Das ist das größte Problem in diesem Zusammenhang.

 

Menschen, die in ihrer Schulzeit nur sehr bruchstückhafte Lesekenntnisse erwerben und anschließend kaum noch lesen, werden leicht zu Analphabeten, also zu Menschen, die auch einfache Texte wie eine Gebrauchsanleitung oder ein Kochrezept nicht so lesen können, dass sie den Inhalt verstehen. Menschen, die im Laufe der Zeit ihre Lese- und Schreibkenntnisse verlernen, nennt man sekundäre Analphabeten. Schätzungen zufolge sind in Deutschland und Österreich zwischen 6 und 10 Prozent der Erwachsenen nicht in der Lage, einfache Texte sinnerfassend zu lesen.

 

Das Ende des Buches?

 

Eine andere Befürchtung ist, dass elektronische Medien und Internet das klassische Buch langsam aber sicher verdrängen. Will man sich hier eine Meinung bilden, muss man etwas genauer hinsehen:

 

Auf der einen Seite ist es tatsächlich so, dass "virtuelle Bücher", die wir aus "virtuellen Bibliotheken" beziehen, gedruckte Bücher zu einem guten Teil zu ersetzen scheinen. Das gilt insbesondere für Sachbücher, deren Inhalt schnell veraltet, und Nachschlagewerke. Da Lexikoneinträge oder Fachartikel via Internet laufend aktualisiert und verändert werden können, haben digitale Nachlagewerke gegenüber einem gedruckte Lexikon einen enormen Vorteil. Das fällt in einer Zeit, in der sich vieles sehr schnell ändert, umso mehr ins Gewicht. Außerdem wird sich kaum jemand an einem regnerischen Ferientag gemütlich auf der Couch niederlassen um den Brockhaus von vorne nach hinten zu lesen. Nachschlagewerke werden verwendet, um sich möglichst schnell und möglichst bequem eine Information zu beschaffen. Das geht digital mindestens so gut wie herkömmlich mittels Buch.

 

Auf der anderen Seite kenne ich niemanden, der es vorzöge, den siebten Band von "Harry Potter", Goethes "Faust" oder sonst einen längeren literarischen Text am 15-Zoll-Bildschirm eines Notebooks zu lesen, auch wenn viele dieser Texte über Gutenberg-Galaxis oder andere Quellen im Internet zur Verfügung stünden. Etwas anderes ist es mit E-Book-Readern oder digitalen Büchern, die man auf Tablets lesen kann. Sie haben viele Vorteile, vor allem kann man eine ganze digitale Bibliothek in der Handtasche mit herumtragen. Aber das Arbeiten mit Büchern ist auch hier kompliziert. Denn konzentriertes Lesen ist mit einem realen papierernen Buch in der Hand immer noch am besten möglich. Insofern sind digitale Bücher eine schöne Ergänzung, aber kein Ersatz für das gute alte gedruckte Buch. 

 

Statistik zum Leseverhalten

Quelle: Statistik Austria
Quelle: Statistik Austria

Arbeitsaufgaben

  1. Verfasse ein Glossar mit etwa 10 wichtigen Grundbegriffen rund um das Thema Lesen und Lesefähigkeit. 
  2. Denke über deine eigene Beziehung zum Lesen nach und formuliere dazu ein paar Gedanken. Gliedere deine Zusammenfassung in drei Teilbereiche: früher - heute - morgen. (Fantasiereise!) Verfasse auf dieser Grundlage als Hausübung einen Text mit dem Titel "Mein Leselebenslauf". 
  3. Sammle in Gruppen Fragen für eine Klassenumfrage zum Thema Lesen. Du solltest abfragen, was sie lesen, wieviel Zeit deine MitschülerInnen mit Lesen verbringen, welche Texte sie lesen, wo sie lesen, wie sie lesen, wozu sie lesen, warum sie lesen, wieviele Bücher sie besitzen, wieviele Bücher es bei ihnen zuhause gibt, ob ihre Eltern lesen, ob sie Mitglied in einer Bücherei sind, ob sie E-Books lesen, ob sie sich Bücher ausleihen, .... Die Fragen müssen statistisch auswertbar sein, also musst du Kategorien machen. 
  4. In Österreich können schätzungsweise 100 000 Menschen nicht oder nicht ausreichend schreiben und lesen. Das heißt sie sind Analphabeten. Die meisten von ihnen sind so genannte sekundäre Analphabeten. Was könnten aus deiner Sicht Ursachen dafür sein? Welche Probleme / Nachteile haben Menschen, die nicht lesen und schreiben können.
  5. Anna ist 17. Sie hat die Schule verlassen, ohne dass sie gut lesen und schreiben gelernt hat. Jetzt merkt sie, dass sie ohne die Fähigkeiten kaum eine Chance hat, einen Ausbildungsplatz (Lehrstelle) zu finden. Auf eine weiterführende Schule kann sie schon gar nicht gehen. Anna überlegt sich, ob sie einen Kurs für Erwachsene machen soll, in dem sie Lesen und Schreiben lernt. Recherchiere im Internet, ob es für Anna einen solchen Kurs gibt. Recherchiere auch, ob es im Internet Erfahrungsberichte von anderen Erwachsenen gibt, die "es geschafft haben". Fasse deine Erkenntnisse für einen kurzen Bericht an Anna zusammen. 
  6. Die folgenden Plakate stammen aus einer Plakataktion, in der auf die Probleme von Menschen mit Lese- und Schreibschwäche aufmerksam gemacht werden sollte. Formuliere ein paar Gedanken zu einem der Plakate.
Tabelle zum Beschreiben eines Bildes
Dok5_Bild beschreiben.docx
Microsoft Word Dokument 169.9 KB
Eine Werbeanzeige zum Thema Lesen gestalten
TK5-Eine Werbeanzeige zum Thema Lesen.do
Microsoft Word Dokument 42.4 KB