"Die Leiden des jungen Werther"

Vom erzählenden Text zum Bühnenstück. (Wienwoche)

„ … Allerhand Neues habe ich gemacht. Eine Geschichte des Titels ‚Die Leiden des jungend Werthers', darin ich einen jungen Menschen darstelle, der, mit einer tiefen reinen Empfindung und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich durch Spekulationen untergräbt, bis er zuletzt durch dazutretende unglückliche Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel in den Kopf schießt ...“

So schreibt Goethe an einen gewissen Grafen Schönborn kurz nach der Fertigstellung des "Werther". Die Wirkung des „Werther“ könnte man allenfalls noch mit „Harry Potter“ vergleichen: Schon in den ersten 10 Jahren nach Erscheinen wird der „Werther“ ins Englische, Französische und Italienische übersetzt. Zu Goethes Lebzeiten werden insgesamt über 50 Auflagen gedruckt. Außerdem wird der Werther zum Gegenstand zahlloser Rezensionen, Bearbeitungen, Karikaturen, Dramatisierungen, Opern- und Operettenfassungen. Sogar eine eigene Tracht wird nach der literarischen Vorlage entwickelt: Mit blauem Frack, gelber Weste und heller Hose kann Mann zeigen, dass er "up to date" ist. Sogar ein „Eau de Werther“ kommt in den Handel. (Und da soll noch einer behaupten, erst das 20. Jahrhundert habe das Marketing erfunden.)

 

Aber es kommt noch verrückter: Bei einigen jüngeren männlichen Lesern hat der Text offensichtlich so eingeschlagen, dass sie sich so sehr mit ihrem literarischen Helden identifizieren, dass sie ihm in den Tod folgen, indem sie sich eine Pistole an den Kopf halten und abdrücken. Man bezeichnet den Effekt, dass spektakuläre und in der Öffentlichkeit breit diskutierte Suizide oft nachgeahmt werden und es in Folge solcher Suzide zu einer Suizidhäufung kommt, bis heute als Werther-Effekt.

 

... der persönliche Background

die historische Lotte
die historische Lotte

 

Wie so oft bei good old Goethe ist wieder einmal eine Liebesgeschichte im Hintergrund. Eine unglückliche, selbstverständlich. Aber eigentlich gibtMailied es zwei Quellen:

 

Einerseits ist es die unglückliche Liebe des jungen Goethe zu Charlotte Buff, der Verlobten eines Hofrates namens Kestner, den Goethe in Wetzlar kennen gelernt hat. Doch im Gegensatz zu seinem Helden Werther erschießt Goethe sich nicht. Anstatt reist Goethe überstürzt aus Wetzlar ab (das kommt uns inzwischen ja schon bekannt vor. War da nicht einmal etwas mit einer gewissen Friederike?) und lässt nur einen Brief zurück.

 

Andererseits: Einige Zeit nach seiner Abreise erfährt Goethe, dass ein Bekannter aus seiner Wetzlaer Zeit – ein gewisser Karl Wilhelm Jerusalem – sich aus unglücklicher Liebe zu einer verheirateten Frau erschossen habe. Und das auch noch ausgerechnet mit der Pistole seines Bekannten Kestner.

 

Manche vermuten noch einen dritten autobiografischen Bezug: Die sehr enge Beziehung Goethes zu einer gewissen Sophie von La Roche, die ihrerseits mit dem sehr 20 Jahre älteren und umso eifersüchtigeren Clemens Brentano liiert gewesen ist.

... die Bedeutung

"Werther". Erstdruck
"Werther". Erstdruck

Anders als heute gilt der Roman – und überhaupt die erzählende Prosaliteratur – zur Zeit des jungen Goethe als absolut minderwertige Literatur. Ernste Literatur ist entweder Dramatik – in der Form der Tragödie logischerweise – oder Lyrik.Mailied

 

Goethes „Werther“ zeigt vollkommen neue Möglichkeiten der erzählenden Literatur auf. Und er sprengt alle Grenzen, die bis dahin für Literatur gegolten haben; ganz dem Anspruch als „Originalgenie“, das keine Normen außer die eigenen akzeptiert, entsprechend.

 

Zunächst einmal ist „Werther“ ein Briefroman. Er besteht aus einer Abfolge von Briefen, die Werther an seinen Freund Wilhelm verfasst. Eingeleitet und abgeschlossen wird der Roman von den kommentierenden Bemerkungen eines fiktiven Herausgebers.

 

Damit wird zunächst einmal die Erzählperspektive gebrochen: Der scheinbar distanziert-objektiven Perspektive des Herausgebers wird die betont subjektive Perspektive Werthers gegenüber gestellt.

 

Die Form des Briefromans ermöglicht, das Geschehen in seiner Chronologie aufzubrechen: Es gibt keinen Erzähler, der ordnet, gewichtet, kommentiert, … Der Leser muss sich die Ordnung – wie in einem modernen Text – quasi selbst schaffen.

 

 

... die Form. Der "Werther" als Briefroman

Werther-Tracht
Werther-Tracht

Was ist ein Briefroman?

 

Der Briefroman ist eine bestimmte Unterform des Romans.

 

Wie jeder Roman ist er durch einen großen Umfang gekennzeichnet. Dieser kommt dadurch zustande, dass die Handlung sich über einen längeren Zeitraum hinwegzieht, dass oft mehrere Handlungsstränge ineinander oder gegeneinander montiert werden und dass einzelne Textelemente (beispielsweise Raum- oder Zeitstruktur, aber auch die Figurencharakteristik) viel Raum einnehmen. Letzteres bezeichnet man als Epische Breite.

 

Im Briefroman wird die Handlung anhand einer Reihe fiktiver Briefe entwickelt. Diese Briefe werden von einem Protagonisten an eine bestimmte Person (die oft nicht Teil der Handlung ist) geschrieben. Manchmal sind auch die Antworten Teil des Romans, sodass der Roman eine dialogische Struktur erhält.

 

Häufig werden die Briefe von einem fiktiven Herausgeber eingeleitet oder kommentiert.

 

Die Blütezeit erlebt der Briefroman im 18. Jahrhundert. Als ?Urform? gilt ein englischer Roman, ?Pamela oder Die belohnte Jugend. Vertrauliche Briefe eines schönen jungen Frauenzimmers an seine Eltern? eines gewissen Samuel Richardson. Der Roman erzählt die Geschichte eines Dienstmädchens, das unter den Annäherungsversuchen seines Dienstherrn leidet, das sich schließlich aber gegen ihn erfolgreich wehrt.

 

Anscheinend erscheinen im bis Ende des 19. Jahrhunderts über 800 Briefromane. Am bekanntesten ist aber wohl Goethes ?Werther?

 

Eine moderne Variante des Briefromans ist der EMail-Roman.

 

Was sind besondere Merkmale des Briefromans?

  

Üblicherweise sind Briefe eine sehr private Form der Kommunikation. Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - von einem vertrauten Menschen getrennt sind, informieren diesen via Brief über ihr Leben, ihre Erfahrungen, Erlebnisse, Empfindungen, Gefühle, Ängste, Hoffnungen, Befürchtungen.

 

In der Natur des Briefes liegt es, dass das Erlebte oft aus großer inhaltlicher und emotionaler Nähe dargestellt wird. Der Schreiber ist in eine Situaiton verstrickt. Ihm fehlt der distanzierte Blick auf das Geschehen, das ein außen stehender auktorialer oder personaler Erzähler aufzubringen vermag. Der Verfasser von Briefen hat keine Distanz zum Geschehen, schreiben aus einer Situation der unmittelbaren Betroffenheit heraus, in der ihm oft der Überblick fehlt, ist gerade himmelhochjauchzend und voller Hoffnung oder zu Tode betrübt und am Rand des Nervenzusammenbruchs.

 

Das heißt: Im Brief kommt das Erleben - Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Hoffen, Erinnern, ... - des Protagonisten viel unmittelbarer und ungefilterter zum Ausdruck als in jeder anderen (klassischen) Form des Erzählens. Insofern hat ein Brief durchaus eine Nähe zur Erzähltechnik des Inneren Monologs, die allerdings erst viel später entwickelt wird.

 

Die Unmittelbarkeit ist es wohl auch, die den Briefroman in dem Moment sehr interessant machen, in dem die Literatur "psychologisch" wird, in dem also psychische Befindlichkeiten, Stimmungen etc.. zum zentralen Gegenstand literarischer Betrachtung werden. Man könnte auch sagen: In dem Moment, in dem das literarische Hauptinteresse sich vom äußeren Geschehen auf das innere Erleben verlagert, wird der Briefroman geradezu zu einer prototypischen literarischen Form.

 

Wichtig ist auch, dass der Briefroman quasi von Natur aus einen fragmentarischen (= bruchstückhaften) Charakter hat. Der (fiktive) Brief ist an ein Gegenüber gerichtet, das - im Vergleich zum Leser - im Normalfall einen Wissensvorsprung hat. Daher kann vieles ausgespart oder nur andeutungsweise dargelegt werden, was ein außenstehender Erzähler langmütig erklären müsste. Briefe entstehen aus Augenblickssituationen heraus. Zwischen zwei Briefen kann ein unterschiedlich großer Zeitraum liegen. Kontinuierliches Erzählen wird so abgelöst durch puzzleartige Einzelbausteine, die der Leser mit der Zeit zu einem ganzen Bild - in dem aber wohl einzelne Elemente leer bleiben - zusammensetzen kann.

 

Durch den Trick, einen fiktiven Herausgeber einzuführen, der die Briefsammlung in einem Vorwort oder einem Nachwort kommentiert und so einen Rahmen um die eigene Geschichte bildet, kann dennoch ein gewisses ordnendes Element eingeführt werden. Oder es kann noch nachgetragen werden, was nach dem letzten (geschriebenen oder erhaltenen) Brief noch geschehen ist.

 

Eine ähnliche, im Hinblick auf Unmittelbarkeit und Subjektivität noch radikalere epische Form wäre der Tagebuchroman.

 

Andere Briefromane

Der Briefroman boomt vor allem im 19. Jahrhundert. Berühmte Briefromane sind beispielsweise ...

 

  • Johann Wolfgang Goethe: "Die Leiden des jungen Werther" (1774)
  •  Ludwig Tieck: "William Lovell" (1795)
  •  Hölderlin: "Hyperion" (1797)
  •  Paul Auster: "Im Land der letzten Dinge" (1989)
  •  Feridun Zaimoglu: "Liebesmale, scharlachrot" (2000)
  •  Daniel Glattauer: "Gut gegen Nordwind" (2006) und "Alle sieben Wellen" (2009) sind E-Mail-Romane
  •  Ein Internetroman und EMail-Roman, der von zwei Autoren hinter zwei unterschiedlichen Protagonisten ist "Scarlett und Dean"

 

 

Arbeitsmaterialien

AB1: Erschließung des Inhalts und des Hintergrunds
tk7_1_werther_ab1.docx
Microsoft Word Dokument 20.2 KB

Theaterstück Arturo Ui

Hintergrundmaterial Arturo Ui
Theaterstück Arturo Ui.docx
Microsoft Word Dokument 16.8 KB

Arturo Ui: Informationen

  • Besprechung des Stücks und der Inszenierung auf der Webseite des Volkstheaters: Link